Das Ende der Welt

Hǎishēnwǎi „Seegurkenmarsch“ bedeutet Wladiwostok auf Chinesisch. Ins Russische übersetzt klingt die Hafenstadt am Japanischen Meer schon eindrucksvoller: „Beherrsche den Osten“.

Erst seit 1991 dürfen Ausländer die Stadt wieder ohne Sondergenehmigung besuchen. Zuvor war sie gesperrt, da der Hafen zu den Hauptstützpunkten der russischen Pazifikflotte zählte und noch immer zählt. Auch das macht Wladiwostok für mich als Europäerin zu einem Ende der Welt.

Ich hatte mir diese Stadt immer grau, abweisend und kalt vorgestellt. Vielleicht urteilt man nur allzu leichtfertig über Russland, wenn man im Westen aufgewachsen ist. Doch im Vergleich zu manch anderen Städten fühle ich mich hier nicht ganz so verloren. Die Luft ist mild, die Stimmung warm. Ich schlendere über ein kleines Straßenfest in der Nähe des Strandes und verbringe den Rest des Tages damit, stumm und ergriffen auf das Meer hinaus zu starren.

Hier ist unsere Fahrt mit der Transsibirischen Eisenbahn also zu Ende. Knapp zehn Tage waren wir unterwegs und nannten den Zug schon unser Zuhause. Wehmut kommt auf.

9.288 Kilometer und sieben Zeitzonen von Moskau entfernt – Wladiwostok ist sicherlich eins der vielen Enden dieser Welt. Nur eine Flugstunde von Tokyo entfernt und mit dem Blick auf ein erahntes Nordkorea. Und doch liegt die Stadt im Fernen Osten auf demselben Breitengrad wie Florenz. Die Winter sind trotzdem kalt und die Sommer zumeist regnerisch. Und so braut sich über dem Japanischen Meer ein Unwetter zusammen und lässt uns in ein Café flüchten. Es ist August und doch ertönt aus der Musikanlage „White Christmas“. Seltsames Russland.