We don’t give a fuck

Justin zieht die Nase hoch und spuckt auf das Herz. Die Italienerinnen kichern.
»Na los, jetzt ihr!«, lacht Justin.
Wir stehen auf der Royal Mile, mitten in Edinburgh und umringen ein Steinmosaik in Herzform, das in den Straßenbelag eingepflastert ist.
»Ich weiß, das ist ein ekelhaftes Land«, grinst Justin, »aber wir Schotten sind stolz drauf.«

Vor ein paar Hundert Jahren soll hier ein Gefängnis geprotzt haben. Eine Legende besagt, dass Halunken und Gauner ihre Verachtung durch Spucken äußerten. Der Schnodder sollte sie davor schützen, eingekerkert zu werden, und so speien noch heute Menschen auf das Herz von Midlothian.
Wir spucken so verschämt wie kleine Mädchen und Justin lobt uns. Er studiert Schauspiel. Das hört man. Seine Stimme ist so tief und dunkel wie Loch Ness. Er trägt Kilt, Zopf und einen roten Bart. Fehlt noch ein Schwert in der Hand und er hätte sich hervorragend an der Seite des Freiheitskämpfers William Wallace gemacht. Vielleicht wäre dessen letzte Schlacht gegen England dann glücklicher verlaufen.
Um sein Studium zu finanzieren, jobbt Justin als Tourguide. Jeden Tag um zwölf Uhr folgt ihm eine Traube Touristen durch seine Heimatstadt. Heute sind es fünf Italienerinnen und ich. Das Besondere seiner Tour: Sie ist nur für Erwachsene, denn es fallen jede Menge Schimpfwörter, die mit »s« oder »c« beginnen, und wahlweise die Ausscheidungen des menschlichen Körpers oder dessen Geschlechtsorgane umschreiben. Als ich zwei Stunden zuvor den Aushang las, fand ich das sympathisch. Nun streunen wir durch die Old Town und lauschen Justins satter Stimme.

Edinburgh wirkt wie die Kulisse eines Theaterstücks. In allen Winkeln steckt Drama. Graue Häuser ragen in den grauen Himmel. Nebelschleier wabern um die Dächer. Hinter jeder Ecke lauert eine Geschichte, die erzählt werden will. Geschichten über Totmacher, Schurken und Geister.
Schon im 19. Jahrhundert zog die Stadt Gruseltouristen an. Und Erzählungen über Hinrichtungen und Folter funktionieren noch heute. In der Old Town mit ihrem Labyrinth aus Hinterhöfen und dunklen Gassen sollen sie einst ihr Unwesen getrieben haben – die Hurenmörder und Leichendiebe. Die Hexen und Henker.

Die Royal Mile ist die Hauptschlagader der Altstadt. Sie führt schnurgerade von Edinburgh Castle, wo Maria Stuart residierte, bevor ihre Großcousine Königin Elizabeth I. sie enthaupten ließ, bis zu Holyrood Palace, wo heute Queen Elizabeth II. Hof hält. Von ihr sind derlei mörderische Ausfälle nicht bekannt.

Von der Royal Mile zweigen sich die closes ab, enge Gässchen, von Wand zu Wand nicht breiter als eine Armlänge. In den bis zu zwölfstöckigen Häusern lebten seit dem Mittelalter hunderte Menschen. Wie Wolkenkratzer türmten sich die Holzbuden auf. Ein vormodernes New York City. Weiter oben wohnten die reicheren Leute, ganz unten die Bedürftigen. Dirnen, Schneider, Schlachter boten ihre Dienste an. Überall Blut und Scheiße. Ratten und Gestank. Ein Abwassersystem gab es nicht. Tageslicht drang kaum in die schmalen Gassen. Dafür aber die Pest. 1645 raffte die Seuche die halbe Bevölkerung hin. Eine Lösung musste her. Als Quell des Übels wurde die Mary King‘s Close ausgemacht, ein besonders lebhaftes Sträßchen. Die Städter fackelten nicht lange und mauerten es zu – mitsamt der Menschen, die dort lebten. Bauten neue Häuser auf das zugepflasterte Gässlein. Es heißt, dass die eingeschlossenen Bewohner jämmerlich starben und ihre Seelen bis heute durch Mary King’s Close gespenstern.
Justin wirft einen Blick in die Gasse. »Beschissene Zeiten«, sagt er und grinst uns an.

Wir lassen die Untoten in der Peststraße zurück, schlendern vorbei an Kiltläden, Dudelsäcken und roten Telefonzellen. In den Schaufenstern warten karierte Tweedanzüge auf Käufer und ein Shop vertickt Harry-Potter-Zauberstäbe. Mehr Klischee geht nicht.
Es ist Winter, der Himmel ist so fleckig wie Marmor, es nieselt auf uns herab. Die Schornsteine rauchen.
»Ja, der Regen gehört zu Schottland wie der Whisky«, meint Justin, aber Regen sei nicht schlimm. Angeblich fällt in Frankfurt mehr Niederschlag als in Edinburgh. Und zumeist sind es hier nur kurze Schauer, danach scheint entweder die Sonne oder es hagelt.
»We don’t give a fuck«, zwinkert er und sein Lachen donnert wie ein Erdbeben. Regen macht schließlich schön. Deshalb sei Schottland ja so grün und so herrlich, und die Schotten gelten ohnehin nicht als zimperlich.
»Wir sind ein entspanntes Völkchen«, lächelt Justin, »und wir lieben unser Land, ob mit oder ohne fucking rain
Ich schaue ihn an und glaube ihm jedes Wort. Lässige Leute, diese Schotten.

Die Sonne kämpft sich durch die Marmorwolken und sprenkelt goldenes Licht auf Edinburghs Kopfsteinpflaster. Irgendwo spielt ein Dudelsack, ein paar Touristen schießen Fotos.
Der Winter ist eine gute Reisezeit für Schottlands Hauptstadt. Noch mehr Drama, noch mehr Theater. Denn die eisige Schwere legt sich wie ein Bühnenvorhang auf die zackigen Dächer. Das Grau ist noch grauer und die Gruselgeschichten noch gruseliger. Winter steht der Stadt. Zudem locken im Sommer reihenweise Festivals hunderttausende Besucher aus aller Welt in die schmucke Metropole. Berühmte Autoren lesen aus ihren Werken und Bands spielen Musik. Das ist toll, aber Myriaden von Smartphones und Selfiesticks drängeln sich dann ebenfalls durch die Straßen. 2004 kürte die UNESCO Edinburgh zur »City of Literature«.

Edinburgh hat viele Namen. Theodor Fontane bezeichnete sie als »Athen des Nordens«, manch einer nennt sie »Stadt der sieben Hügel«, andere gaben ihr den Spitznamen »Auld Reekie«, was soviel wie »Alte Verräucherte« bedeutet. Wegen der damals stetig rauchenden Fabrikschornsteine. Am schönsten formulierte es der Schriftsteller Sir Walter Scott; für ihn war Edinburgh »My own romantic town«.

Neben Sir Walter Scott, der zu den meistgelesenen Autoren seiner Zeit gehörte, stammen noch weitere berühmte Literaten aus Edinburgh. Als da wären: Sir Arthur Conan Doyle, Erfinder von Sherlock Holmes, Robert Louis Stevenson schrieb »Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde« und »Die Schatzinsel«, J. M. Barrie erschuf Peter Pan, Irvine Welsh verfasste »Trainspotting«, und der Dichter Robert Burns brachte »Auld Lang Syne« zu Papier.
Wo sind denn die Frauen? mögen aufmerksame Leser nun einwerfen. Offensichtlich unterbesetzt. Und deshalb schieben die Hauptstädter gern eine Dame vor, die zwar streng genommen Engländerin ist, aber der angeblich ein paar Zeilen ihrer weltberühmten Romanserie in Edinburgh eingefallen sind. Die Rede ist von JK Rowling. Und das Café »The Elephant House« rühmt sich, die Geburtsstätte von Harry Potter zu sein. Das steht auch in großen Buchstaben auf der Fensterscheibe, damit es jeder lesen kann: »Birthplace of Harry Potter«. In Englisch und in Chinesisch.
Es wird erzählt, Rowling habe ihren Kaffee so langsam wie möglich getrunken, weil ihre Geldbörse keine zweite Tasse hergab. Jetzt ist Rowling reicher als die Queen.

Ich gehe hinein und muss an der Theke warten, bis mir ein Platz zugeteilt wird. Es ist laut und wuselig. Überall Elefanten. Auf Zeichnungen und Fotos, als Porzellan- und Holzfiguren. Ich bestelle eine heiße Schokolade, die sich als lauwarm entpuppt, und zahle sofort.
Schulter an Schulter mit anderen schokoladentrinkenden Menschlein sitze ich auf einem Stuhl mit dem Blick zur Wand. Ständig rutscht meine Jacke von der Lehne und ich fühle mich ob der Besuchermassen gestresst. Nichts finde ich hier schön.
Die Betreiber des Ladens behaupten, das Café sei schon vor Rowlings Durchbruch der Renner gewesen und auch die Autorin hätte sich damals zu den noch freien Sitzplätzen durchkämpfen müssen.
Wie konnte die Gute hier nur einen einzig klaren Gedanken fassen?

Nach fünfzehn Minuten verlasse ich die Elefantenhütte. Will nur raus. Edinburgh hat reizvollere Cafés; und nach London sogar die meisten Kaffeehäuser Großbritanniens. Von den urigen Pubs ganz zu schweigen.

Ich sauge die kalte Stadtluft ein und spaziere zum National Museum. Irgendwo spielt ein Dudelsack, ein paar Touristen schießen Fotos.
Wie überall im Land sind die Museen kostenlos. Bildung für alle. Und die lohnt sich, denn ich bestaune Dinosaurierknochen, Segelflugzeuge, (echte) Elefanten und Dolly, das geklonte Schaf.
Zwischen Giraffe und T. Rex ist eine Waage aufgestellt, die das Gewicht der Besucher in Tierkilos umrechnet. Ich wiege so viel wie ein Riesenameisenbär. Ob das gut ist, vermag ich nicht zu beurteilen.

Als ich im Museumsshop eine Postkarte kaufen möchte, kann ich mein Portemonnaie nicht finden. Weder im Rucksack noch in der Manteltasche. Panik steigt auf, denn mein gesamtes Bargeld und meine Kreditkarte befinden sich darin. Ich hatte am Nachmittag einige Pfund abgehoben und war seitdem nicht mehr im Hotel gewesen, um die Scheine abzuladen.
Und so verteile ich den kompletten Inhalt meines Rucksacks über den Museumsboden; Bonbons, Taschentücher und Haarklammern fliegen umher – doch nichts. Kein Portemonnaie.
Ruhe bewahren. Wo kann es sein? Vielleicht im »Elephant House« liegen gelassen? Neben der Tasse Kakao?
Ich eile zurück zum Café, doch die Kellnerin findet nichts. »Hat es jemand geklaut?«, fragt sie und ich halte einen bösen Fluch für möglich. Schwarze Magie. Wahrscheinlich weil ich Harry Potter immer schon doof fand. Rowling wurde im »Elephant House« reich – ich arm.
Ich rufe meine Bank an, lasse die Karte sperren. Jetzt kann ich nichts mehr tun. Nur auf ein Wunder hoffen, das mir Bargeld schickt. Und versuchen, die Situation zu akzeptieren. So gut es geht. Ich denke an Justin und die schottische Gelassenheit. Was würde er an meiner Stelle wohl sagen? Vermutlich sowas wie »I don’t give a fuck.«
Nun denn. Irgendwo spielt ein Dudelsack, ein paar Touristen schießen Fotos.

Da ich mir jetzt ebenfalls keine zweite Tasse Kakao mehr leisten kann (so nah war ich Rowling noch nie), trotte ich zur St. Giles‘ Cathedral. Und hoffe auf Trost in den gotischen Gemäuern.
Wäre ich gläubig, so wäre diese Kirche die richtige Anlaufstelle, denn St. Giles war einer der vierzehn Nothelfer-Heiligen und wurde im Mittelalter oft um Hilfe angefleht. Der Kirchturm gleicht einer Krone und die Kathedrale gilt als Edinburghs wichtigstes Gotteshaus.
Funzellicht und Buntglasfenster. Ich drehe eine Runde und biege in einen Seitengang ein. Durch eine Tür betrete ich eine kleine Kapelle. Ein grauhaariger Mann lächelt mich an.
»Welcome to St. Giles‘ Cathedral«, begrüßt er mich. Sein Name ist Don und er erzählt den Besuchern ehrenamtlich, was es mit der Kapelle in der Kirche auf sich hat.
»Das hier ist die Distel-Kapelle. Der Distelorden ist ein schottischer Ritterorden, der 1687 gestiftet wurde«, erklärt er mir, »noch heute treffen sich die Damen und Ritter zum Gebet.«
Die Kapelle ist mit geschnitzten Holzvertäfelungen und Wappen verziert. Die Winterkälte kriecht unter den Mantel.
»Es ist ganz schön frisch hier drin«, sage ich, »frieren Sie nicht? Sie könnten jetzt daheim auf dem warmen Sofa sitzen.«
Don lacht. »Ja, es ist frisch«, antwortet er, »aber ich bin 78 und noch fit. Die Rente ist mir zu langweilig.«
Nach zehn Minuten Plauderei verabschiede ich mich von Don. Er reicht mir seine kalte Hand und sagt noch: »Edinburgh ist großartig. Sie ist die Stadt der Geschichten.« Dann strömen schon die nächsten Besucher in das Kapellchen und lassen sich eine der vielen Geschichten von Don erzählen.

Ich habe Hunger. Und kein Geld. Aber ich erinnere mich an einen Butterkeks, der neben meinem Bett liegt und kehre zurück zum Hotel.
Dann im Zimmer geschieht es – das Wunder. Ich schäle mich aus dem Mantel und den zwei Fleecejacken, da purzelt mein Portemonnaie aus einer Innentasche. Ein Felsbrocken fällt von meinem Herzen und ist wahrscheinlich auch noch drei Stockwerke tiefer zu hören. Geld macht eben doch glücklich.

Im nächstbesten Pub begieße ich das Mirakel mit einem halben Liter Ale und bedanke mich bei Harry Potter. Spüle mein schlechtes Gewissen hinunter, denn bezüglich einer vermeintlich geklauten Brieftasche tat ich der Elefantenhütte unrecht. Und weil ein Bier meine Freude kaum aufwiegen kann und das Gewissen noch drückt, bestelle ich ein zweites. So geht das eine Weile. Ein paar Musiker spielen Geige, ein paar Leute klatschen dazu. Der Kamin brennt. Die Lampen ebenfalls.

Trotz der ausgelassenen Entzückung gelingt es mir tatsächlich, vor Sonnenaufgang aufzustehen. Ich will rauf auf den Calton Hill. Von dort oben soll man die beste Aussicht auf die Stadt haben.
Es regnet, es stürmt, es donnert. Aber I don’t give a fuck, und so stehe ich irgendwann pitschnass neben dem Dugald Stewart Monument und warte auf den Sonnenaufgang. Der nicht stattfindet, da es heute keine Sonne gibt. Aber schön ist es trotzdem. Und dramatisch. Na klar.
Wieder im Hotel packe ich meine Sachen, verstaue die Geldbörse an einem sicheren Ort, an den ich mich später noch erinnern kann, und nehme den Zug nach Inverness.
Ein wenig traurig bin ich schon, Edinburgh zu verlassen. Eine magische Stadt, ein unbedingtes Reiseziel. In 48 Stunden kann man viel erleben, aber danach ist man verliebt. Haltlos. So viel ist gewiss.
Die Highlands ziehen am Fenster vorbei. Ich schaue hinaus, die Sonne schiebt sich hinter die Hügel, die Dunkelheit zieht über die Landschaft. Und ich fühle mich in diesem Augenblick zum ersten Mal so richtig schottisch gelassen. So kann es bleiben.

Tipps und Touren unter visitbritain.com und visitscotland.com