Warum ich jedes Mal eine Scheißangst habe

„Wow, bist du mutig!“ „Ganz alleine als Frau? Krass!“ „Das würde ich mich nie trauen. Mutig!“ „Hast Du keine Angst?“ „Ist das nicht gefährlich? Mutig, mutig.“

So oder so ähnlich sind die meisten Reaktionen auf meine Reisen. Insbesondere mein Trip alleine durch den Iran sorgte für ehrfürchtige und fragende Gesichter. Aber ist das wirklich mutig? Soll ich mal grottenehrlich sein?

Ich habe vor jeder einzelnen Reise die Hosen voll!

Und doch treibt es mich raus. In die Berge, in die Wüste, in die Fremde. Allein. Und eigentlich wäre ein Abend zuhause auf dem Sofa doch auch ganz nett. Mit Tee und warmen Socken. Kein Muffensausen, keine Bedenken. Das wäre so einfach und so komfortabel. Aber nein, ich muss in die Welt. Und dann plane ich voller Freude die nächste Reise, bis schließlich die Ruhe vor dem Sturm einkehrt und die Angst mich überfällt. Meist ein paar Tage vorher. Angekündigt hat sich die Furcht schon die letzten Wochen. Leise, schleichend. Immer wenn ich merke, wie schlecht ich angeblich vorbereitet bin. Aber jetzt ist sie vollends da. Die Angst.

Die Nacht vor der Abreise bleibt schlaflos. Wie soll ich bloß vor Ort klarkommen? Ich verstehe die Sprache nicht! Ich kann die Schriftzeichen nicht lesen! Werde ich mich verlaufen? Habe ich genug Geld? Werden die Leute mich mögen oder ausgrenzen? Verpasse ich den Flieger? Finde ich das Hotel? Gerate ich in einen Raubüberfall? Werde ich von Terroristen entführt? Beißt mich ein tollwütiger Hund?

Fragen über Fragen, Ängste über Ängste. Und von Sorge zu Sorge wird es absurder. Ich verliere die Kontrolle. Nicht Trackqueen, sondern Dramaqueen. Ich will daheim bleiben. Und mir die Bettdecke über den Kopf ziehen. Ich will nicht raus. Ich habe eine Scheißangst.

Alleine reisen ist ein freier Fall. Es ist, als stünde man kurz vor dem Sprung aus dem Flugzeug. So stelle ich mir das vor. Unter mir nur Leere. Exit. Ich robbe zur Tür. Meine Füße auf dem Trittbrett, die Arme vor die Brust und der Kopf in den Nacken. Nochmal tief durchatmen. Absprung!

Reisen ist ein Fallschirmsprung. Und ich fürchte mich.

Das kostet Überwindung. Aber freies Fallen ist auch großartig und macht süchtig. Es ist pures Adrenalin. Geist und Körper sind lebendig. So ist Reisen. Nicht immer. Es kann auch gewöhnlich, vorhersehbar oder langweilig sein. Damit wir uns richtig verstehen, ich spreche vom Reisen, nicht vom Urlaub. Urlaub bedeutet Sicherheit. Das ist in Ordnung. Aber ein Trip in ein absolut fremdes Land mit fremden Gesetzen und Schriften ohne schützende Reisegruppe, ohne Pauschal-Gimmicks, sich einlassen und lernen – das ist freies Fallen. Dann erst wird der Urlaub zur Reise.

Ist das mutig? Ich denke nicht. Denn ich betreibe Bedürfnisbefriedigung. Das Streben nach Intensität. Und die Flucht vor Routine. Mir fehlt der Mut, um zu bleiben.

Allerdings, ich gestehe: Ich fühle mich durchaus geschmeichelt, wenn mir jemand Mut vorwirft, nur weil ich reise. Ich begreife das auch so, wie es gemeint ist – als Kompliment. Und manchmal glaube ich meinem Gegenüber sogar und denke: „Yeah, was bin ich mutig.“ Aber es stimmt eben nicht. Mut bedeutet, eine Wahl zu haben und sich für die Heldentat zu entscheiden. Wenn ich eine Katze aus dem brennenden Haus rette, dann bin ich mutig. Ich aber habe keine Wahl. Ich muss einfach reisen. Nichts daran ist heldenhaft.

Und weil ich es tun muss, überwinde ich jedes Mal meine Scheißangst. Denn die Alternative wäre, daheim hocken zu bleiben. Und mich zu ärgern. Über ebendiese Scheißangst, die mich von all den Weltwundern fernhält. Ärgern über mich, die nicht über ihren Schatten springt und die Unermesslichkeiten der Erde verpasst. Und dann ranze ich vor mich hin, werde alt, fett und krank und denke: „Ach, wäre ich doch damals um die Welt gereist.“ Aber es ist zu spät, denn jetzt bin ich ja alt, fett und krank. Vielleicht bin ich reich, aber wen interessiert das noch?! Alles, was ich von unserem Planeten zu wissen glaube, kenne ich aus dem Fernsehen. Sowieso holt nur der beschissene Fernseher mich raus in die Ferne, in ein luftblasiges Abenteuer, das gar nicht existiert oder das andere erleben. Und nicht ich. Fernsehen in der ursprünglichen Wortbedeutung, und so trostlos.

Welch Horror! Nein, so möchte ich nicht leben! Und meine Angst vor dieser kümmerlichen Existenz ist ums Tausendfache größer als meine Angst vor der unkontrollierbaren Reise. Auch wenn der Trip absolut miserabel verläuft, kehre ich klüger heim. Und so werde ich immer wieder Fallschirmspringen. Das ist nicht mutig, sondern alternativlos.

Nach dem Sprung folgt übrigens das Gleiten. Die Ruhe nach dem Sturm. Du stehst auf einem Berg, du besichtigst einen Tempel oder du sitzt einfach in der Sonne und denkst dir: „Verdammt, ist das geil.“

Es entsteht ein Gefühl, dass du es alleine schaffen kannst. Dass alles schon irgendwie klappt und dass es nette Menschen auf dieser Erde gibt, die dir helfen. Alleine – aber nicht einsam. Darum geht es. Und das stärkt ein Vertrauen in dir. Ein Selbstvertauen, ein Weltvertrauen. Für die nächste Reise. Alles wird gut.

 

10 Comment

  1. Hans Ennen says:

    Ja…. genau SO!

    1. Dann sind wir ja gleicher Meinung, lieber Hans. 🙂

  2. Silvia Lorenz says:

    Ich beneide Deinen Freisinn. Leider habe ich mich immer den Fesseln gebeugt, um so gieriger bin ich auf Deine Beiträge, um ein wenig davon zu erleben.
    Danke

    1. Dann reisen wir einfach zusammen virtuell, liebe Silvia.
      Und ich danke dir fürs Lesen!! 🙂

  3. Christoph says:

    Man, toll geschrieben! Ich finde mich wieder und danke dir aus dem vollen und zugleich ängstigen Reise-Sehnsuchts-Herzen 🙂

    1. Hey lieber Christoph, danke dir. Wir sind nicht allein mit unserer Angst. 😉

  4. Ilonka Lohr says:

    Sooo wahr, ich musste so lachen du schreibst so treffend.
    Ein super Artikel, vielen,vielen Dank.

    1. 😉

  5. Volker says:

    Wow, Du schreibst echt schön! Wer sich ans alleine Reisen rantasten will, dem kann ich zum Einstieg den Jakobsweg empfehlen. Ein langer Weg, schöne Natur, viele nette Leute auf allen Wegen und überall günstige Unterkünfte. Danach habe ich mich an die schwierigeren Touren gewagt. Der Iran ist auch für mich eine ernsthafte Option.

    1. Danke dir, lieber Volker. Ja, der Jakobsweg ist ein super Einstieg. Ich bin damals leider gescheitert, aber trotzdem habe ich viel gelernt.
      Ich kann dir nur raten: Geh in den Iran. Es gibt viel zu entdecken.

Kommentare sind deaktiviert.