Versehrtes Afghanistan – Teil 2

Teil 2

„René…“, flüsterte ich, „wir sind in Afghanistan. Ganz allein.“ Ich schaute ihn mit großen Augen an, René lächelte verkrampft und kurbelte das Taxifenster herunter. Unauffällig filmte er Menschen, Straßen, Häuser.

Mich durchfluteten die widersprüchlichsten Gefühle im Sekundentakt. Das Soldatencamp zu verlassen, nur im Taxi und ohne Begleitschutz, lösten ein Emotionsgewitter in mir aus. Ich fühlte mich hellwach und betrunken zugleich. In meinem Kopf schwirrten Ängste, Neugier, Staunen und Dankbarkeit wild umher. Was mache ich eigentlich? Ich sitze in einem Taxi in Afghanistan! Hatten die Soldaten im usbekischen Termez nicht davor gewarnt? „Verlasst niemals das Camp! Lebensgefahr!“ Und nun?

Ich versuchte, mich zu beruhigen und starrte auf ein verziertes Medaillon, dass vom Rückspiegel herabbaumelte. „Allah“ stand in arabischen Schriftzeichen geschrieben. Wie das Pendel eines Hypnotiseurs sog es meinen Blick auf. Was ist, wenn der Taxifahrer uns entführt? Und mit dem nett lächelnden englischsprachigen Afghanen im Beifahrersitz gemeinsame Sache macht? Das Pendel schlug heftig aus. Was aber wohl eher an einer scharfen Linkskurve lag als an geheimnisvollen Mächten. Ich musste mich sammeln. Diese Voruteile, diese Klischees. Das sind hier ganz normale Menschen. So wie ich. So wie René, der aufgeregt alles filmte, was ihm vor die Linse kam.

Mazar 2Masar-e Scharif ist die viertgrößte Stadt in Afghanistan. Die Haupstadt Kabul befindet sich rund 300 Kilometer in südöstlicher Richtung. In Mazar-e Sharif wurde in den 90iger Jahren die Nationale Islamische Vereinte Front zur Rettung Afghanistans begründet, ein gegen die Taliban gerichtetes militärisches und politisches Bündnis. In westlichen Medien zumeist Nordallianz genannt. Mehrmals versuchten die Taliban, Mazar-e Sharif einzunehmen und verübten grausame Massaker an der Bevölkerung. 2001 eroberte die Nordallianz mit Hilfe US-amerikanischer Truppen die Stadt zurück. Seit 2005 sind die Deutschen zusammen mit anderen Nationen im zehn Kilometer entfernten Camp Marmal stationiert. Mazar-e Sharif gilt als verhältnismäßig sicher. Zumindest so sicher eine Stadt in Afghanistan sein kann. Auch hier gibt es noch Anschläge. Das ganze Land ist ein Krisenherd. Die Aussage des damaligen Verteidigungsministers Peter Struck, die Sicherheit Deutschlands würde auch am Hindukusch verteidigt, bleibt nach über zehn Jahren Einsatz ohne durchschlagenden Erfolg mehr als fraglich.

Ich schaute aus dem Fenster und bestaunte diese fremde Welt. So ein Städtebild hatte ich bisher noch nicht gesehen. Abgerissene Häuser, schiefe Sendemasten, protzige Neubauten. Dazwischen kleine Stände, an denen Essen oder Autoreifen verkauft wurden. Ein abgeriegeltes deutsches Konsulat, das einer Festung glich. Ein mir unverständlicher Straßenverkehr.

Männer mit langen Bärten, Turbanen und pludrigen Hosen, Jungs in Jeans und T-Shirt, Frauen in Burkas, Mädchen mit locker gebundenen Kopftüchern. Schulkinder, die kilometerweit zu Fuß liefen. Menschen, die zu viert auf einem kleinen Moped saßen. Automarken, die ich nicht kannte.

Ein Bild hat sich in mein Gedächtnis eingbrannt. Ich sah einen alten Mann auf einem rostigen Fahrrad durch den verworrenen Verkehr radeln. Er hatte nur ein Bein. Vielleicht von einer Landmine zerfetzt. Um das Pedal zu treten, benutzte er einen langen Holzstock. Dieser einbeinige alte Mann mit seinem Stock auf dem Fahrrad mitten im wilden Durcheinander. Und trotzdem fährt er weiter. Ganz selbstverständlich. Irgendwie. Ich denke, das ist Afghanistan.

Moschee

Das Taxi hielt vor der großen Blauen Moschee, dem Ali-Mausoleum aus dem 15. Jahrhundert. Angeblich liegt hier der Schwiegersohn des Propheten Mohammeds begraben. Ali ibn Abi Talib, der erste Imam der Schiiten. Daher stammt der Name der Stadt. Mazar-e Sharif ist persisch und bedeutet Grab des Heiligen. Diese wichtige Wahlfahrtstätte der Schiiten gehört zu den schönsten Moscheen der Welt. Historiker vermuten hier aber weniger das Grab des berühmten Imams, sondern vielmehr die Begräbnisstätte des altpersischen Propheten Zarathustra, der vor 3.800 Jahren lebte. Auch nicht schlecht.

Tauben

Daheim hatte ich irgendwo gelesen, als Ausländer dürfe man das Gelände nicht betreten. Ich bin mir nicht sicher, ob das stimmt. Jedenfalls glaubte ich, der Taxifahrer ließe uns nur kurz aussteigen, damit wir aus der Ferne ein paar schnelle Aufnahmen schießen könnten. So wie ein Reisebus in Paris. Einen Spaziergang durch Mazar-e Sharif hielt ich sowieso für eine abwegig wahnwitzige Idee.

Wir stiegen mit Dolmetscher Jamal aus. Das Taxi fuhr weiter. Ich war verwirrt. Auch René wirkte nervös, die kleine Kamera in den schwitzigen Händen. Jamal lachte und sympathische Fältchen umspielten seine tiefschwarzen Augen. Wir überquerten gespannt einen großen Platz, auf dem tausende weiße Friedenstauben gurrten und von Afghanen gefüttert wurden. Die Vögel gelten im Islam als Helfer des Propheten. Kinder mit löchrigen Schuhen liefen uns nach.

afghanisch junge

Ich zupfte meinen Schleier zurecht. Tauben flogen über unsere Köpfe. Vor den Toren der Moschee drehte René ein paar Bilder. Wir wollten schon umkehren – zurück ins rettende Taxi – doch dann die Überraschung. Lachend und feilschend steckte Jamal dem Moschee-Wachposten mit Kalaschnikow ein paar Afghani in die Hand und schob uns durch die Pforte hinein. Und da standen wir nun. Auf dem Vorplatz der Moschee. Jamal war verschwunden. Trank wahrscheinlich irgendwo einen Tee. Wir waren allein.

Ich fühle mich unwohl. Beobachtet. Darf ich hier sein? Als Ungläubige? Menschen beten und flanieren über den Vorplatz. Die unzähligen blauen Kacheln reflektieren das Sonnenlicht. Der weiße Marmor glitzert. Und dann fegt der warme Wind meinen Schleier vom Kopf. Meine Haare wirbeln umher. Ich werde angeschaut. Hektisch fange ich das Tuch ein und wickele es mir um den Kopf. Ich ärgere mich über meine Ungeschicklichkeit.

Wir gehen weiter, versuchen uns unauffällig zu verhalten, was sich mit einer Videokamera in der Hand als schwierig gestaltet. René ist unsicher, ob er drehen soll. Wir laufen eine Runde um die ehrfurchtgebietende Moschee und sind froh, als wir draußen den lachenden Jamal in seinem bunt karierten Hemd entdecken. Ein Glas Tee in der Hand. „Do you like it?“ fragt er freudig und wir nicken. Natürlich sind wir unendlich beeindruckt von all der Pracht, und unglaublich dankbar für diese einmalige Chance. Aber es bleibt diese Verunsicherung. Als wären wir Eindringlinge.

Zwei Tage später sollte genau an jener Stelle, an der wir die Tauben fotografierten, eine Bombe hochgehen. Mehr weiß ich darüber nicht.

In einer Seitenstraße wartet der Taxifahrer auf uns. Fremde Männer sagen etwas auf Dari zu mir. Jamal scheucht sie weg. Der Taxifahrer drückt seine Zigarette aus, richet seinen Pakol, die runde traditionelle Kopfbedeckung der Afghanen, und dann fahren wir weiter. Tiefer in die Stadt hinein. An einem trubeligen Bazar steigen wir aus. Jamal unterhält sich mit einigen Händlern, René und ich laufen an den Ständen vorbei. Bazar 2Und wieder fallen wir auf. Menschen bleiben stehen, recken die Köpfe, schauen uns an. Gelächelt wird wenig. Und auch das vermag ich nicht zu deuten. Was denken die Leute über uns? Verstehen sie uns als Besatzungsmacht, die nun kolonial umher spaziert? Begrüßen sie es gar, dass sich Westler ihre Stadt anschauen möchten? Oder wollen sie uns nur ihre Waren verkaufen? Wer kann das wissen. Ich möchte einfach nur dieses Land verstehen. Nicht mehr und nicht weniger. Und obwohl ich nichts mit diesem Krieg zu tun habe, fühle ich mich schuldig.

René dreht nicht mehr. Er ist angespannt und blickt nervös in alle Richtungen. Überall Menschen, farbenfrohe Tücher und Getümmel. Einige Frauen in blauen und weißen Burkas stehen neben mir. Afghanische Burkas werden tatsächlich auch in schwarz, grün oder orange gefertigt. Bevor die Taliban alle Frauen verpflichteten, den Ganzkörperschleier zu tragen, sah man Blau eher selten. Blauer Stoff war damals teurer und zeugte von einem höheren Stand. Als die Vollverschleierung zum Zwang wurde, war dies die einzige Möglichkeit der Frau, ihren sozialen Status geltend zu machen. Und so dominiert Blau noch heute.

Ich kannte Frauen in Burkas nur aus den Medien und jetzt sehe ich sie mit eigenen Augen. Starre sie an. Bis zu diesem Zeitpunkt konnte ich mir gar nicht vorstellen, dass es sie wirklich gibt. Faszinierend und erschreckend zugleich. Gesichtslose Frauen, hinter Stoffgittern, abgeschirmt von allen Blicken und von der Welt getrennt. Werden sie gezwungen oder tragen sie ihr Gefängnis freiwillig? BazarAuch das weiß ich nicht. Ich stelle fest, ich weiß rein gar nichts. Warum ist hier ständig Krieg? Wer kämpft gegen wen und warum? Weiß das überhaupt jemand? All das verwirrt mich zutiefst.

Wir verlassen das Zentrum und biegen in eine ruhige Wohngegend ein. Hier irgendwo lebe er, meint Jamal. Die Straßen sind aufgerissen und unbefestigt. Wir steigen aus und Jamal führt uns zu einer kleinen Bretterbude, die neben Coladosen auch Spielzeug, Klopapier und Krüge aus Ton verkauft. Eilig stellt der Inhaber zwei Plastikstühle an den Straßenrand. Wir überspringen die Abwasserrinne, die die schottrige Straße teilt, und lassen uns in die himmelblauen Plastikstühle sinken.

Der Inhaber reicht uns Tee und Gebäck. Er scheint sich tatsächlich über uns zu freuen. Auf der anderen Straßenseite lachen Kinder und schöpfen Wasser aus einem Brunnen. Frauen in Burkas gehen vorüber. Diesmal schaut uns niemand an. Diesmal ist alles ganz normal. Händler

Endlich habe ich Zeit, ausgiebig in die interessanten afghanischen Gesichter zu blicken. Soviel Geschichte bergen sie. Ausdrucksstarke Augen, markante Züge. Besonders die alten bärtigen Gesichter sind schön und würdevoll. Jede einzelne Falte zeugt von Leben.

Wir schlürfen unseren Tee und sind glücklich. Trotz der Sorgen war es ein wundervoller Tag. Aufgewühlt und dankbar sitzen wir da. Und können es immer noch nicht fassen. Es fühlt sich richtig an. Ja, es war die richtige Entscheidung, sich in dieses Taxi zu setzen und es zu wagen. Tausendmal ja.

Jamal gesellt sich zu uns und freut sich, dass wir uns freuen. Und nun zum ersten Mal kommen wir so richtig ins Gespräch mit ihm. Wir fragen, was er von dem Bundeswehreinsatz hält und wie er über die Taliban denkt. Erklären kann er den ganzen Krieg nicht, aber er befürwortet den Einsatz und ist froh über die Vertreibung der Taliban. Ich bin mir nicht sicher, ob er die fremden Truppen in seinem Land wirklich gutheißt. René und ich sind immerhin Gäste der Bundeswehr, die uns wiederum an ihn vermittelt hat. Was soll er schon sagen? Doch eines glaube ich ihm sofort: „Our country is beautiful. I hope the world will see this sometime.“

Chai

Auf dem Weg zurück ins Feldlager atmen wir nochmal tief ein. Mazar-e Sharif riecht nach Stein, Autos und Sonne. Wir verabschieden uns herzlich und bedanken uns ehrlich. Jamal lacht und winkt. Dann kehren er und der namenlose Taxifahrer auf der sandfarbenen Straße zurück in die Stadt.

Zurück im Camp erzählen wir den Schauspielern von unserem Tag. Sie schweigen. Missmutige Gesichter. „Hmm. Das hätte ich auch gerne gemacht. Warum habt ihr nichts gesagt?“ bemerkt Martin gespielt locker. „Außerdem“, fügt er schließlich kühl hinzu, „ihr seid hier, um uns zu drehen. Nicht Afghanistan!“ Die anderen stimmen lautlos zu. Zwischen uns ziehen sich Gräben. Hier und jetzt, ausgerechnet in Afghanistan, beschließt das Ensemble, gegen uns in den Krieg zu ziehen.

Weiter zum 3. und letzten Teil

Camp

 

3 Comment

  1. Silvia Lorenz says:

    Wie immer, einfühlsam und inspirierend. Man war einfach dabei.

    1. Das war auch eine spannende Reise, die ich nicht vergessen werde.
      Danke dir.

  2. Hans Spilker says:

    ich habe das Land noch vor der Sowjetischen Besatzung kennen und schätzen gelernt. Damals konnte man sich natürlich auch angstfrei dort aufhalten, das ist unter den heutigen Bedingungen unserer Besatzung anders. Mein Resume damals war, dass ich das Land/Leute interessant finde, aber der kulturelle Unterschied und die Lebensbedingungen so unterschiedlich zu unseren Verhältnissen sind, dass ich weiter gereist bin. Dies gilt natürlich in weit grösserem Masse für unsere Soldaten heute dort von denen ich einen kennenlernte. Dieser, ansonsten nette Familienvater, war als Soldat dort, weil er die entsprechenden finanziellen Zulagen für einen Einsatz in Afghanistan schätzte – Söldner verhalten sich nicht anders.

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