The Zugspitze is a bitch

Mit Orten ist es so wie mit Menschen. Man fühlt sich hingezogen oder man trennt sich wieder. Und manchmal hasst man sich sogar.

So erging es Garmisch-Partenkirchen und mir. Wir fanden uns gegenseitig nicht sonderlich sympathisch. Das Städtchen in den Bayerischen Alpen und ich hatten keine glückliche Verbindung. Keine guten Vibes. Mir gefiel es nicht, es hatte nichts Entzückendes, war überfüllt und belanglos. Garmisch-Partenkirchen zeigte mir hingegen die kalte Schulter, war unleidlich und bestrafte mich mit Dauerregen.

Ursprünglich war ich nach Bayern gereist, um die Zugspitze zu begehen. 12 Stunden wandern durch die imposante Natur versprach ich mir. 2962 Meter Anstrengung, taufrische Luft, Ruhe und unvergessliche Weitblicke vom Dach Deutschlands. Dieses Vorhaben fiel gründlich ins Wasser. Regen, Gewitter und Nebel. Es sollte nicht sein.

Frustriert lief ich durch die Stadt. Pitschnass. Auf der Suche nach einem angeblich guten vegetarischen Restaurant, so sagte es ein Reiseführer. Um mich mit gutem Essen und Wein zu besänftigen. Ich fand das Haus. Eine Fast-Food-Kette war eingezogen. Es sollte nicht sein. Ich suchte ein anderes angepriesenes Lokal. Ich fand das Haus. Das Lokal hatte Ruhetag.

Am nächsten Tag entschied ich mich, Schloss Neuschwanstein zu besuchen. Ein grauer Schleier lag über dem Märchenschloss von Ludwig II. Regen prasselte herab. Die Begeisterung der vielen Japaner mit ihren Selfie-Sticks blieb mir ein Rätsel. Das Interieur war unfertig, neuromanisch und daher recht düster. Ein überbewerteter mittelalterlicher Themenpark eines einsamen Monarchen. Nichts war echt. Kein Wunder, dass der bayerische König depressiv wurde. Nicht mal ein halbes Jahr lebte er hier bis er schließlich 1886 unter ungeklärten Umständen am Starnberger See verstarb. Es sollte wohl nicht sein.

Fotor_144127070409257

Im Regen fuhr ich zurück ins Hotel. Einen weiteren Gang in die Stadt ersparte ich mir. Wir hatten Funkstille und ignorierten uns gegenseitig.

Am Tag der Abreise startete ich einen letzten Versuch, unsere angeschlagende Verbindung zu retten. Wenn schon nicht zu Fuß, dann doch wenigstens mit der Bergbahn ganz nach oben. Die Aussicht auf der Zugspitze hätte Garmisch-Partenkirchen und mich versöhnen können. Das Wetter ließ mich zweifeln. Trotzdem. Ich wollte das Ende unserer Beziehung noch nicht akzeptieren. An der Zugspitzbahn angekommen, schaute die Kassiererin etwas mitleidig. “Lohnt es sich?” fragte ich, die Antwort vorausahnend. Die Dame drehe ihren Bildschirm zu mir. Liveaufnahmen vom Gipfel flimmerten auf.

Ein Blick auf den Monitor ließ jede Hoffnung schwinden. Der Berg versank im Nebelmeer. 52 Euro für ein Ticket waren die Fahrt nicht wert. Höchster Berg Deutschlands hin oder her. Es sollte nicht sein. Neben mir starrte ein ebenso enttäuschter Amerikaner auf den Bildschirm. Auch seine Träume von einer glücklichen Zugspitz-Zukunft in Garmisch-Partenkirchen scheiterten an der Realität und endeten an der Kasse. “Fucking Zugspitze” schimpfte er leise. Ich hörte es trotzdem und grinste. “The Zugspitze is a bitch.” bestätigte ich ihn und wir lachten. Wir verabschiedeten uns und ich stieg in den Zug nach München. Eine neue Beziehung mit einem neuen Ort wartete. Vielleicht mochten wir uns lieber.

P.S.: In München wurde mir meine Jacke geklaut. Bayern ist doof.

2 Comment

  1. Silvia Lorenz says:

    Wie immer super unterhaltsam und ich fühlte mich, als ob ich dabei war. Hatte voriges Jahr so ein Erlebnis in Kärnten. Da fahre ich nie mehr hin. Lach.
    Mach weiter so. Freue mich schon auf die nächste Folge.

  2. Ja, liebe Silvia, manchmal ist das so. Dann passt einfach nix. 😉
    Danke Dir!

Kommentare sind deaktiviert.