Models füttern verboten

Betrunken tanzten wir auf der Yacht. Wer waren diese ganzen ausgelassenen, schönen Menschen um uns herum? Anja wusste es auch nicht. Mit ihrer großen Sonnenbrille und dem kleinen Schwarzen sah sie aus, als gehöre sie hier hin. „Whoa, party now, too much money in the bank account, hands in the air make you scream and shout, when we’re in Saint-Tropez.” dröhnte es aus den Boxen. Wir blieben ausgelassen.

Passend zur Stimmung trugen wir enge Kleider, High Heels und Push-Ups, tranken teuren Champagner und ließen uns von irgendwelchen schmierigen Typen auf weitere Drinks einladen. Furchtbar. Eigentlich war alles so wie in Düsseldorf.

“Come on ladies, let’s get naughty, get it up, now everybody, come on girls, here comes the daddy.”
Wir waren absolut naughty. Und Daddys gab es auf dem bescheidenen Kutter auch genug. Einer wollte mir seine Suite unter Deck zeigen. 30 Jahre älter als ich. Welcome to St. Tropez. Außer den gereiften Herren, tanzten noch ein paar hungrig dreinblickende Models staksig auf Tischen und Bänken. Eine hübscher als die andere. Jung, leere Gesichter. Cocktailgläser in den Händen, aber das Buffet ließen sie unangerührt. Essen wäre wohl deplatziert, hier in St. Tropez. Vielleicht war ich auch einfach nur ein wenig neidisch. Aber auf was eigentlich? Auf solchen Partys wird man unweigerlich mit seiner eigenen Eitelkeit konfrontiert. Das ist unbequem.

St. Tropez

Anja unterhielt sich angeregt mit François, der uns auf diese Yacht mitgeschleift hatte. Ein alter Bekannter ihrerseits. Zuvor tanzten wir noch in drei anderen Clubs und auf einer angeblichen Swinger-Party in einem rosa Schloss. Wichtig und nicht ganz nüchtern fuhren wir in unserem gemieteten Smart vor. Zu dritt. Wir waren aufgeregt und betraten das Schloss der vermeintlichen Sünde. Ich hatte schon viele Geschichten über dieses Chateau gehört und in meiner Phantasie sah dort alles aus wie in Stanley Kubricks „Eyes wide shut“. Geheimnisvoll und bedrohlich erotisch. In Wirklichkeit drehte sich eine einzige gelangweilte Dame an einer Pole-Stange. Ein Pärchen schaute zu und nippte schweigend an seinem Wasser. Mehr nicht.

Der nächste Club, der VIP Room, in dem angeblich Paris Hilton öfter absteigt, versprach außer einer 10 Euro teuren Cola auch nicht viel mehr und so zogen wir weiter und landeten schließlich auf dieser Yacht.

Es wäre ungerecht, St. Tropez nur auf Party zu beschränken. Das ehemalige Fischerdörfchen an der Côte d’ Azur ist hübsch. Wären die neureichen Touristen nicht. Zu denen gehörten wir wohl zumindest in dieser Nacht ebenfalls. Wenn auch nicht neureich. Nicht einmal reich.

Und somit umgibt das berühmte französische Städtchen mittlerweile nur noch ein Hauch von Brigitte Bardot und Louis de Funès. Vieles ist zwischen einer fragwürdigen High Society und ein paar Kleidershops mit Brigitte Bardot-T-Shirts (immerhin) verloren gegangen. Hätte ich Geld gehabt, hätte ich mir eins gekauft.

Trotzdem ist es nett, durch die kleinen Gässchen zu flanieren, die Zitadelle zu bestaunen oder auf den Hafen zu blicken. Ich mochte es sehr. Es lohnt sich aber durchaus, auch mal einen Ausflug in die Nachbardörfer und ins Umland zu wagen. Frankreich ist einfach wundervoll. So sahen wir das Städtchen Grasse, das spätestens nach den stimmungsvollen Beschreibungen in Patrick Süskinds Roman „Das Parfum“ weltberühmt wurde. Ich schleppte Anja freudig ins Jean-Honoré Fragonard Museum und machte ein wenig auf Kunstprofessorin. Erklärte leidenschaftlich seine Gemälde. Sie langweilte sich, danach aßen wir eine Crêpe. Schön.

In dieser Nacht aber waren uns Fragonard und Süskind egal. Wir hatten keinen müden Euro mehr im Handtäschchen, nicht mal mehr für eine halbe Crêpe, doch wir fühlten uns fancy. Wir fühlten uns begehrt, wir fühlten uns modelig. Wir waren so, wie alle dort. Nicht besser und nicht schlechter.

Der nächste Morgen war grausig. Verschmierte Schminke, Augenringe, pleite und Kopfschmerzen. Wir lagen am Pool. Jammerten. Von Crêpes mussten wir uns übergeben. Models the day after. Also alles wie in Düsseldorf. Nur teurer.