Models füttern verboten

Betrunken tanzten wir auf der Yacht. Wer waren diese ganzen ausgelassenen, schönen Menschen um uns herum? Anja wusste es nicht. Mit ihrer großen Sonnenbrille und dem kleinen Schwarzen sah sie aus, als gehöre sie hier hin. „Whoa, party now, too much money in the bank account, hands in the air make you scream and shout, when we’re in Saint-Tropez.” dröhnte es aus den Boxen. Wir blieben ausgelassen.

Passend zur Stimmung trugen wir enge Kleider, High Heels und Push-Ups, tranken teuren Champagner und ließen uns von irgendwelchen Typen auf weitere Drinks einladen. Furchtbar. Eigentlich war alles so wie in Düsseldorf.

“Come on ladies, let’s get naughty, get it up, now everybody, come on girls, here comes the daddy.”
Natürlich waren wir naughty. Mussten wir ja schließlich. Und Daddys gab es auf dem bescheidenen Kutter auch genug. Welcome to St. Tropez. Außer den gereiften Herren, tanzten noch ein paar ausgehungerte Models auf Tischen und Bänken. Eine hübscher als die andere. Mit Cocktailgläsern in den Händen, aber das Buffet ließen sie unangerührt. Essen wäre wohl deplatziert, hier in St. Tropez. Vielleicht war ich auch einfach nur neidisch. Aber auf was eigentlich? Auf solchen Partys wird man unweigerlich mit seiner eigenen Eitelkeit konfrontiert. Das ist unbequem.

Anja unterhielt sich angeregt mit François, der uns auf diese Yacht mitgeschleift hatte. Ein alter Bekannter ihrerseits. Zuvor tanzten wir noch in drei anderen Clubs und auf einer angeblichen Swinger-Party in einem rosa Schloss. Wichtig und nicht ganz nüchtern fuhren wir in unserem gemieteten Smart vor. Zu dritt. Ich hatte schon viele Geschichten über dieses Chateau gehört und in meiner Phantasie sah dort alles aus wie in Stanley Kubricks Eyes wide shut. Mit dieser bedrohlichen Erotik und den venezianischen Masken. Im rosa Schloss drehte sich eine einzige gelangweilte Dame an einer Pole-Stange. Ein Pärchen schaute zu und nippte schweigend an seinem Wasser. Mehr nicht.

Der nächste Club, der VIP Room, in dem angeblich Paris Hilton öfter absteigt, versprach außer einer 10 Euro teuren Cola auch nicht viel mehr und so zogen wir weiter und landeten schließlich auf dieser Yacht.

Es wäre ungerecht, St. Tropez nur auf Party zu beschränken. Das ehemalige Fischerdörfchen an der Côte d’ Azur ist hübsch. Wären die neureichen Touristen nicht. Zu denen gehörten wir wohl zumindest in dieser Nacht ebenfalls. Wenn auch nicht neureich. Nicht einmal reich. Und somit umgibt das berühmte französische Städtchen mittlerweile nur noch ein Hauch von Brigitte Bardot und Louis de Funès.

Trotzdem ist es nett, durch die kleinen Gässchen zu flanieren, die Zitadelle zu bestaunen oder auf den Hafen zu blicken. Ich mochte es sehr. Es lohnt sich aber durchaus, auch mal einen Ausflug in die Nachbardörfer und ins Umland zu wagen. Frankreich ist einfach wundervoll. So sahen wir das Städtchen Grasse, das spätestens nach Patrick Süskinds Roman „Das Parfum“ weltberühmt wurde. Ich schleppte Anja ins Jean-Honoré Fragonard Museum und machte ein wenig auf Kunstprofessorin. Erklärte leidenschaftlich seine Gemälde. Sie langweilte sich, danach aßen wir eine Crêpe. Schön.

In dieser Nacht aber waren uns Fragonard und Süskind egal. Wir hatten keinen müden Euro mehr im Handtäschchen, nicht mal mehr für eine halbe Crêpe, doch wir fühlten uns fancy. Wir fühlten uns begehrt, wir fühlten uns modelig. Wir waren so, wie alle dort. Nicht besser und nicht schlechter.

Der nächste Morgen war grausig. Verschmierte Schminke, Augenringe, pleite und Kopfschmerzen. Wir lagen am Pool. Jammerten. Von Crêpes mussten wir uns übergeben. Models the day after. Also alles wie in Düsseldorf. Nur teurer.