Selfie in Delphi

Ich hab’s getan. Nicht nur einmal. Alle machen es. Präsidenten, Astronauten, Terroristen, Promis, Teeanger. Man stellt sich an einen interessanten Ort oder neben eine wichtige Person und drückt ab. Früher zog ich dabei eine Schnute, weil ich dachte, das sei sexy. Tatsächlich war es das nicht. Ein »Duck-Face« sieht eben nur an einer Ente gut aus.
Heute schieße ich kaum noch Selfies. Weil es irgendwie postpubertär daherkommt. Überall auf der Welt fuchteln Menschen mit ihren Selfiesticks herum, nerven und grinsen blöd. Sogar in Auschwitz. Das hat mich erschüttert.
In einem Museum in Indonesien stand bis vor kurzem eine Wachsfigur von Adolf Hitler. Breitbeinig. Hinter ihm der Schriftzug »Arbeit macht frei«. Nicht wenige Besucher hoben den rechten Arm zum Gruß, fotografierten sich zusammen mit dem Diktator und posteten das Grauen im Netz. Die Wachsfigur hockt jetzt im Keller. Allein hoffentlich.

Duck-Face mit Hasenohren

Denke ich an Selfies, denke ich an Kim Kardashian. Und das ist ebenfalls ekelhaft. Das möchte ich nicht. Diese dumme Plunze versaut eine ganze Generation mit ihren Irrelevanzen. Bisheriger Höhepunkt ist ein Selfie mit ihrem frischgeschlüpften Baby. Beide mit rosa Nase und rosa Hasenohren. Kim zieht dazu ein »Duck-Face«. Sieben Millionen Likes.

Selfies sind nicht nur meistens peinlich, sondern auch Zeitfresser. Für ein schmuckes Foto braucht es gefühlte 1500 Versuche. Licht, Position, Hasenohren – alles muss passen. Die Umgebung bekommt der Egoshooter nur noch am Rande mit. Der Blick auf die Welt verengt sich, die Schönheit der Natur wird nur noch sichtbar durch das Display. Und schließlich fegt eine Filter-App die letzten Unebenheiten hinfort. Die Augen werden vergrößert, die Nase verkleinert. Hauptsache beachtenswert, Hauptsache krass. Und niemals echt.
Woher kommt diese Lust am Bluff? Die Lust am Ich? Ist es Narzissmus? Ist es Folge der Digitalisierung? War es früher anders?
Seit 2011 nennt man ein Selbstporträt Selfie. Doch das Selbstbildnis ist viel älter. 1839 fotografierte der Amerikaner Robert Cornelius sich mit Hilfe eines Spiegels. Aber auch schon Albrecht Dürer malte sein Gesicht auf die Leinwand, obendrein als Sohn Gottes. Und von Rembrandt existieren rund 80 Selbstporträts. Hasenohren sind nicht überliefert.
Die Mitteilungssucht scheint folglich ein Wesenszug des Menschen zu sein. Nur ist heute alles rasanter, ist die Konkurrenz größer. Deshalb wird mehr gewagt.

Süchtig nach Kicks und Klicks

Der Chinese Wu Yongning kletterte ohne Sicherung auf Hochhäuser und dokumentierte sein Überleben. Irgendwann stolperte er und zerschellte in tausend Stücke. Ein 19-jähriges Mädchen wollte sich in Kolumbien vor einem Wasserfall fotografieren, dabei rutschte sie auf den glitschigen Steinen aus und stürzte 90 Meter in die Tiefe. In Südspanien musste ein Baby-Delfin dran glauben. Hunderte Egoshooter entdeckten das Tier in Ufernähe, reichten es herum und machten Selfies, so lange, bis der Delfin erstickte.
Und auch in Deutschland werden immer öfter Teenager auf Gleisen erwischt, wie sie händchenhaltend Selbstporträts schießen, um sich so gegenseitig ihrer Freundschaft zu versichern.

Selfies sind Alltag. Letztes Jahr bekam ich von einem Geschäftskunden einen Selfiestick geschenkt. Ich ließ das Ding am Flughafen zurück. Schob es unter einen Sitz in der Wartehalle. Im Flugzeug kurz vor dem Start dann die Durchsage, jemand hätte seinen Selfiestick am Gate vergessen. Derjenige möge sich doch bitte melden. Ich blieb stumm. Und ein wenig konsterniert.
Bei all dem Unfug glaube ich jedoch nicht, dass die Menschheit narzisstischer geworden ist. Menschen waren, sind und bleiben immer um Anerkennung bemüht. Vielleicht ist es die Suche nach Identität. Vielleicht ist es Balsam für die Seele. Oder der Egoshooter braucht den Beweis seiner Existenz. Vielleicht möchte man sich auch einfach erinnern. Und das eigene Gesicht in einer Blumenwiese ruft andere Emotionen hervor als nur die Blumenwiese. Und manchmal sieht ein Selfie tatsächlich richtig hübsch aus. Oder es ist von politischer Wichtigkeit, etwa wenn Frauen im Iran ihr Kopftuch abnehmen, ein Selfie schießen und es dann auf Facebook hochladen. Das ist mutig. Es kommt eben darauf an, wo und wie man es macht. Mit welcher (inneren) Haltung.
Einen Vorteil hat der Selfie-Wahn: Ich werde unterwegs viel seltener gefragt, ob ich von fremden Leuten ein Foto schießen könnte. Das erledigt jetzt jeder selbst.

Zum Schluss bin ich dem Leser noch ein Selfie schuldig. In Delphi war ich dann doch zu schwach. Und wahrscheinlich wird es mir das ein oder andere Mal wieder passieren. Bin eben doch nur ein Mensch. Sorry.