Ein köstliches Stück Irland

Ruhe. Wind rauscht. Hinter den Hügeln blöken vereinzelt Schafe. Die Sonne scheint.

Wir hatten einen Platten, mitten in der Pampa. Björn konnte einem Schlagloch nicht ausweichen. Der Platten stellte sich noch zusätzlich als Achsenbruch heraus. Seit vier Stunden war kein Auto mehr an uns vorbeigefahren. Björn rauchte. Sylvi guckte. Slobby erzählte irgendwas von einer Verschwörung der irischen Kleeblattmafia und Timo und Simone, die Björn liebevoll und zeitsparend „Timone“ taufte, ergaben sich dem Schicksal. Wir kannten uns alle vom Studium und dies war unsere erste gemeinsame Reise. Nun saßen wir irgendwo im Ring of Kerry fest, eine bildschöne Panoramaküstenstraße im Südwesten Irlands. „Es gibt Schlimmeres.“ sagte Timone weise und Sylvi nickte seufzend. Vergeblich hatte sie versucht, per Handy einen sogenannten Rory zu erreichen. Unser Mietwagen-Ansprechpartner. Rory war nicht auffindbar. Wahrscheinlich in einem Pub versackt. Ganz klischeehaft. Wir warteten. Sechs Stunden später entschied ich mich widerwillig für mein allererstes Wildpinkel-Erlebnis im Leben überhaupt und suchte mir ein stilles Örtchen zwischen glotzenden Schafen und grünen Hügeln. Ich pinkelte mir auf die Schuhe. Eine enttäuschende Erfahrung. Ich verriet es niemandem.

Nach sieben Stunden kamen tatsächlich der Abschleppdienst unserer Mietwagenfirma und ein neues Auto herangerollt. Rory war nicht dabei. Slobby vermutete dahinter die Kleeblattmafia und alle freuten sich auf die Weiterfahrt.

Es wurde dunkel und unser Tages-Etappenziel konnten wir nicht mehr erreichen. Björn war etwas besorgt ob der ganzen Schlaglöcher und so entschieden wir uns spontan, in ein Hostel am Wegesrand einzuchecken. Eins war sicher, hier musste sich Alfred Hitchcock seine Inspiration für „Psycho“ geholt haben. Ein verschrobener, zahnloser Herr an einer 50er Jahre Rezeption händigte uns den Schlafsaal-Schlüssel aus. Wir waren die einzigen Gäste. Überall ausgestopfte Tiere… Gut, das denke ich mir gerade aus, aber es hätte durchaus sein können. Die Etagenbetten müffelten und waren aus dem vorletzten Jahrhundert. Statt Bettwäsche gab es eine Art Leichensack, in den wir uns einwickelten, um die befleckten Matratzen nicht zu beschmutzen.

Gegen ein Uhr nachts. Der verschrobene Ire von der Rezeption war spurlos verschwunden. Das Licht funktionierte nicht. Es war stockdunkel. Vögel kreischten, der Wind peitschte an die morschen Fenster. Es knarrte auf dem Flur. Sylvi hatte Angst. Ich erzählte Gruselgeschichten von aufgeschlitzten Hunden in der Badewanne und Spinnen in Yucca Palmen. Sylvi fand das scheiße und maßregelte mich. Bei Horrorfilmen hält sie sich noch heute die Augen zu. Slobby äußerte seinen Verdacht, dass die irische Kleeblattmafia uns verschleppen und in ein serbisches Kellerverlies werfen könnte. Björn rauchte. Timone schnarchte.

Wir überlebten diese düstere Nacht nur knapp. Der seltsame Herr ward nie wieder gesehen. Ohne Frühstück ging es weiter durch den Südwesten Irlands. Eine saftige Landschaft, raue Klippen, sattgrüne Hügel, kalte Luft und leckeres Bier. Unterwegs im Ring of Kerry machten wir an einem kleinen Supermarkt halt und fotografierten dort ein Stück Butter.

Rory haben wir nie zu Gesicht bekommen. Wahrscheinlich ein Undercover-Agent der irischen Kleeblattmafia.

2 Comment

  1. Eine schöne Reise war´s. Das neue Auto hatte übrigens jemand gebracht, der Pantoffeln trug. Pantoffeln! Das habe ich nach all den Jahren noch genau vor Augen.

  2. Sowas habe ich dann doch vergessen.

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