Randvoll ist mein Herz

Polizisten stürmen den Bus. Sie sprechen nicht, sie suchen. Ich zupfe nervös mein Kopftuch zurecht.

Taschenlampenlicht. Getuschel der anderen Reisenden. Ich höre mein Herz. Und unseren Busfahrer laut schimpfen. Er steht draußen, umringt von acht Gesetzeshütern, auf einem  schwach beleuchteten Vorplatz der Polizeistation. Irgendwo im Iran. Irgendwann in der Nacht. Ich verstehe nichts.

Was ist hier los? Warum hat die Polizei unseren Bus herausgefischt? Niemand spricht Englisch und mein Handy hat keine Verbindung mehr zur Außenwelt. Ich sitze fest im iranischen Nirgendwo. Sprachlos.

Weitere Polizisten preschen in den Bus. Klopfen an die Decke, schauen unter die Sitze, reißen Wandverkleidungen herunter und entdecken Geheimfächer. Voll mit Ware. Verbotener Ware. Säckeweise heben sie den Schatz aus. CDs, T-Shirts, Konserven und einige Flaschen harten Alkohol. Im islamischen Gottesstaat Iran ist schon der Genuss von Bier strengstens verboten. Es drohen Geldstrafen und Peitschenhiebe. Draußen wird gestritten. Rund fünfzehn Männer, Polizisten und die siebenköpfige Bus-Mannschaft, diskutieren und kreisen wie hungrige Wölfe um den Berg Schmuggelware. Ich schaue aus dem Fenster und sehe meinen Rucksack im Staub liegen. Die Polizei durchsucht unser Gepäck.

Ein Blitz trifft mich mitten ins pochende Herz. Habe ich noch die heimliche Flasche Wein im Ranzen? Oder habe ich sie schon getrunken? Ich weiß es nicht mehr. »Für einsame Nächte«, sagte mein Bekannter in Teheran, als er mir das sündige Gesöff in eine Pepsi-Flasche füllte. Ich stopfte sie dankbar in meine Tasche.

Jetzt ist die Nacht einsam. Wie viele Peitschenhiebe kriege ich wohl? 70, 80 oder 90? Mir wird übel. Die Polizisten öffnen wahllos Koffer, befingern Kosmetikartikel und Schmutzwäsche. Ich starre auf mein Handy. Immer noch kein Empfang. Wenn ich jetzt aufstehe, aussteige und renne, wie weit komme ich?

Ich atme tief und ordne meine Gedanken. Streife durch Erinnerungsfetzen. Doch. Ich habe den Wein bereits getrunken. Ja, ich bin mir sicher. In der Karawanserei muss es gewesen sein. Ja, so war es. Ich beruhige mich. Schließe die Augen. Aber was ist, wenn mir jemand mit unlauteren Absichten etwas ins Gepäck geschmuggelt hat? Drogen? Während ich ahnungslos im Bus dämmerte. So was passiert doch. Ich habe davon gelesen. Ich bin hier nur die sprachlose Touristin.

Nein, Schluss jetzt. Blödsinn. Keine beengenden Gedanken. Ich wollte es so. Hatte ich mir doch solche Situationen herbeigesehnt, das Abenteuer gesucht. Ich will ja Intensität. Ich will Lebendigkeit. Ich will Wahrhaftigkeit. Etwas, das bleibt. Ich will Hingabe. Fremd werden. Vagabundieren. Staunen. Ich will Schönheit und Melancholie.

Ich bin süchtig. Sehnsüchtig. Mir fehlt der Mut, um zu bleiben. Deshalb muss ich gehen. Und deshalb bin ich hier. Allein. Im Iran. Reisen ist anstrengend und lästig. Reisen ist mühsam und bitter. Und alleine reisen ist ein freier Fall. Es ist, als stünde man kurz vor dem Sprung aus dem Flugzeug. So stelle ich mir das vor. Unter mir nur Leere. Exit. Ich robbe zur Tür. Meine Füße auf dem Trittbrett, die Arme vor die Brust und der Kopf in den Nacken. Noch mal tief durchatmen. Absprung!

Gelandet bin ich in diesem iranischen Bus. Ich spüre das Leben. Und das ist gut. Gut, weil ich davongekommen bin. Der Bus rollt an. Nach Stunden bangen Wartens. Die Polizei hat die Schmuggler verhaftet, nur der Busfahrer darf weiter. Was wird wohl mit den Männern geschehen? Können sie sich freikaufen? Werden sie ausgepeitscht? All das wegen ein paar billiger T-Shirts und einiger Flaschen Alkohol.

Die Landschaft zieht vorüber, der Tag bricht an. Die meisten Leute im Bus schlafen. Ich schaue aus dem Fenster hinein in eine wunde Welt. So viele Geschichten erzählt das Land, so viele Wunder. Vielleicht gehören sie stets zusammen: das Wunder und die Wunde. Vielleicht gehört zum Glück auch immer Trauer und zur Anmut der Unmut. Die Sonne scheint und der Himmel ist wolkenlos. Wie ein großer blauer Fleck ist er über die Wüste gespannt.

In einem Interview antwortete der deutsche Schriftsteller Botho Strauß auf die Frage »Was fehlt Ihnen?« mit der schlichten Aussage: »Das Schöne.« Mehr nicht. Ich verstand ihn.

Der Berliner Philosoph Byung-Chul Han schrieb aufgrund dieser Strauß’schen Feststellung ein ganzes Buch über Die Errettung des Schönen. Wo ist es, das Schöne? In unserem heutigen westlichen Verständnis von Schönheit gibt es in ihr keine Knackse, keine Risse, keine Bruchstellen. Alles sei kugelrund gelutscht, faltenfrei, glatt geschliffen und ausdruckslos, so Hans Erkenntnis. Das wirklich Schöne hat jedoch Kratzer und manchmal Verletzungen. Es birgt Geheimnisse.

Im Iran sehe ich viel Schönes. Viele Risse und Bruchstellen. Viel nicht Gesehenes. Nicht nur die verschleierte weibliche Schönheit. Auch einsame Salzseen, bunte Berge, eine verlassene Fabrik, die sich aus dem Wüstensand erhebt, alte seelenvolle Gesichter, persische Ruinen, Mosaiken, schwarze Kinderaugen. Und immer wieder die unendlichen Sandmeere. Grau und beige. Als wäre die Farbe aus der Welt gewaschen. Ich setze die Kopfhörer auf. In meinem Ohr singt Leonard Cohen. »I came so far for beauty, I left so much behind.«

Gefangene Freiheit

Hinterm Horizont erscheint Shiraz. Der Garten des Iran. Wir sind endlich angekommen. Ich steige aus, setze mich auf meinen Rucksack und warte, beobachte Busse und Menschen. Abschiede und Wiedersehen. Heimweh und Sehnsucht. Alles hier. Im Bahnhof. In mir. Es ist heiß und riecht nach Orangenblüten.

»Hello, where are you?«, fragt eine warme Baritonstimme am Telefon. Es ist Kourosh. Mein Host für die nächsten drei Tage und der beste Freund meines Teheraner Bekannten. Ich darf in seinem Haus wohnen – zusammen mit Schwester, Bruder, Schwägerin, Neffe, Nichte, und der 92 Jahre alten Mutter. Bisher hatten wir uns nur Textnachrichten geschrieben, und ich bin neugierig, wer mich erwartet. Kourosh lässt den Motor laufen, steht im Halteverbot. Ich steige ein und blicke in ein attraktives Gesicht. »Hi, I’m Kourosh.« Lachfalten kräuseln sich um seine braunen Augen. Und ich beginne zu stottern, werde kleinmädchenschüchtern. Außer ein wenig englischem Gefasel vergesse ich sämtliche Worte. Ich beschränke mich aufs Lächeln.

Kourosh trägt mein Gepäck in ein Apartment. Er wohnt ein Stockwerk tiefer. Er lädt mich zum Frühstück am nächsten Morgen ein. Fladenbrot, Frischkäse, Spiegeleier und schwarzer Tee. Während Kourosh aufdeckt, sitzt die zierliche Mutter auf dem Sofa und schaut eine iranische Spielshow. Ich winke ihr zu. Sie winkt zurück. »What’s your plan for today?«, fragt mich Kourosh. Ich weiß es nicht. Ich glaube, ich hatte es gewusst. Aber ich vergesse auch das. Kourosh grinst smart und schreibt die wichtigsten Sehenswürdigkeiten in Schiraz auf einen Zettel. In Englisch für mich und in Farsi für die Taxifahrer. Und am Abend wolle er mich auf eine Party mitnehmen. Mein Blick vergräbt sich in sein persisches Gesicht. Die schwarzen Brauen, die geschwungenen Züge, die angegrauten Schläfen und in den Augen ein Licht, das brennt. »Okay«, sage ich. Mehr fällt mir nicht ein.

Die Party ist in einem schicken Apartment, das auch in New York oder London als schick gelten würde. Die Leute sind schön und sympathisch. Es gibt Rohkost, Joghurt, laute Musik, Whiskey, selbst gemachten Wein und Joints. Ich bin natürlich underdressed. Außer ein paar islamischen Hijabs habe ich nichts im Koffer. Verwirrt bin ich auch. Der Iran widerspricht sämtlichen westlichen Klischees. Nicht überall lauern die Mullahs. Nicht überall steht eine Atomanlage, und viele Iraner haben noch nie im Koran gelesen. Hier im schicken Apartment ist, wie so oft, von der vermeintlichen »Achse des Bösen« nichts zu spüren.

Mit diesem leidigen Begriff hat der damalige US-Präsident George W. Bush den Iran als Schurkenstaat stigmatisiert. Es gab jedoch nie eine Achse, denn Iran, Irak und Nordkorea pflegten keine Allianz und auch wurde diese Bezeichnung mittlerweile relativiert. Iran und Amerika sind unausgesprochene Verbündete im Kampf gegen die Taliban in Afghanistan und den sogenannten Islamischen Staat (IS) im Irak und in Syrien geworden. Atomdeals werden geschlossen, Sanktionen aufgehoben.

Doch in den westlichen Köpfen hat sich die »Achse des Bösen« festgezeckt. Trotz all der berechtigten Kritik an Bushs Äußerung bleibt das iranische Regime dennoch restriktiv und verletzt tagtäglich Menschenrechte. Das darf und muss immer wieder laut skandiert werden. Ein Ponyhof ist das hier ganz und gar nicht.

»What are you thinking?«, Kourosh lächelt mir zu. Die Drinks machen mich gesprächiger. Und so will ich von ihm wissen, wie er in diesem Land zurechtkommt. Einem Land, das offiziell die Genüsse des Lebens verbietet und als Sünde deklariert. »You can see it here. Everybody does everything. In our private lifes, we are free.« Jeder macht alles. Freiheit in den eigenen vier Wänden. Aber reicht das? »It’s better to be a slave of our own country than a slave of a foreign country«, meint Kourosh und leert sein Glas Whiskey. Ist das so? Besser Sklave der eigenen Regierung sein als Sklave einer Besatzungsmacht? Die Iraner sehen, was in ihrer Nachbarschaft passiert. Gescheiterte Staaten. Der Mittlere Osten zerfällt. Sie wollen unabhängig bleiben.

Ich muss darüber nachdenken. Mit japanischem Whiskey klappt das allerdings nur bedingt. Betrunken bin ich trotzdem. Und deshalb fällt mir auch erst im Auto auf, dass ich mein Kopftuch verloren habe und gerade »oben ohne« durch den Iran fahre. Benebelt und berauscht. In maßloser Sünde. Kourosh findet das lustig. Zum Glück ist kein Mullah in Sicht. Wobei der vielleicht um diese Uhrzeit auch betrunken gewesen wäre.

Am nächsten Tag streife ich durch die engen Gassen des Bazars. Ein Universum an Gerüchen und Geräuschen, Schmuck, Teppichen, Süßigkeiten und billiger Kleidung made in China. Mopedfahrer drängeln, alte Männer schlafen in ihren Geschäften, Frauen begutachten Stoffe. Ich kaufe für ein paar Toman einen goldenen Armreif, der angeblich fünfzig Jahre alt ist, und verlasse den schummrigen Bazar. Sonnenfinger streicheln mein Gesicht und es riecht immer noch nach Orangenblüten.

Ein Taxi bringt mich zum heiligen Schrein Shah-e-Cheragh, in dem die Brüder des Imam Reza begraben liegen. Also direkte Nachfahren des Propheten Mohammed. Auch als nicht muslimische Touristin darf ich die Pilgerstätte besuchen. Allerdings nicht, ohne die besonderen islamischen Kleidervorschriften zu berücksichtigen.

Im Schrein besteht für Frauen Tschador-Pflicht. Einen Tschador kann man sich kostenlos ausleihen. Ein großes, meist dunkles Tuch, das nur noch das Gesicht frei lässt und übersetzt bezeichnenderweise »Zelt« bedeutet. Im Alltag reicht der Hijab. Und das ist schon Herausforderung genug. Kopftücher machen junge Mädchen zu alten Frauen. Ein Manteau oder eine Tunika verwischen die weiblichen Kurven. Oft ein Tschador. In manchen Teilen Irans versteckt gar eine Maske die Gesichter. Ich trage den Schleier gerade einmal vier Wochen. Und es ist eine Plage.

Mir geht das Kopftuch gründlich auf die Nerven. Es stört, es verdeckt meine Ohren und ich verstehe nur die Hälfte, es rutscht, es fliegt im Wind umher, es hängt im Gesicht, es ist warm und beengend. Ich jammere wie eine naive Westlerin und zergehe in Selbstmitleid. Wie lästig ist es wohl für die wirklich Gefangenen? Bin ich doch schließlich freiwillig hier und wusste darum.

Der Hijab muss immer getragen werden, sobald man die eigenen vier Wände verlässt. Und selbst dort bleiben konservative Muslima verhüllt, wenn männlicher Besuch zu Gast ist, der nicht zur Familie gehört. In modernen Häusern wird der Schleier aber sofort gegen ein Minikleid getauscht. Fast jede Frau, die ich im Iran danach frage, hasst den Hijab. »We want to be free!«, meinte eine Studentin noch gestern rebellisch, die mich mit »Welcome to Iran« ansprach. Ihr Sehnsuchtsland sei Frankreich. Das Tuch sitzt dabei weit auf ihrem Hinterkopf und bedeckt nur locker den Haarknoten. Es sei zum Schutz der Frau, heißt es. Da frage ich mich, warum ein (vielleicht nicht existenter) Gott dann überhaupt weibliche Schönheit erschaffen hat? Und so wundert es nicht, dass moderne Perserinnen Wert auf Farbe und Make-up legen. Perfekt geschminkt und nicht selten mit Nasenkorrektur.

Wenn nur noch das Gesicht bleibt, soll es schön sein. So sieht man im Iran viele hübsche Frauen. Und diese wirken ganz und gar nicht unterdrückt, sondern selbstbewusst und willensstark. Der Hijab wird trotzdem getragen.

Um in den heiligen Schrein zu gelangen, muss ich durch einen von den Männern getrennten Eingang gehen. Eine Art Schleuse. Dort werde ich für alle durch einen weißen, geblümten Tschador als Ausländerin oder zumindest als einzige Nicht-Tschador-Besitzerin kenntlich gemacht. Als ebendiese darf ich danach erst mal warten. Auf meine extra herbeigerufene Schrein-Fremdenführerin.

Ich parke also auf dem Schleusen-Stuhl und beobachte kuriose Szenen: Zwei in schwarze Tschadors gehüllte Mitarbeiterinnen tasten die ebenfalls schwarz gekleideten Besucherinnen mit weißen Handschuhen ab. Eine dritte reicht Feuchttücher. Vor dem kleinen Spiegel wischen sich die Damen die in stundenlanger Mühseligkeit aufgetragene Schminke vom Gesicht und dürfen erst dann den Schrein betreten. Sitzt irgendetwas immer noch nicht richtig, so werden sie von freiwilligen Helfern mit bunten Staubwedeln zur Ordnung gepuschelt.

Schreinfein gemacht, steht der Weg ins Heiligtum nun offen. Das riesige Tuch wird dabei mit einer Hand oder mit den Zähnen festgehalten.

Ich bin zu ungeschickt dafür. Ständig zupfe und rücke ich das Bettlaken zurecht, stolpere und hätte mich auch ohne das florale Muster als stupide Touristin problemlos selbst entlarvt. Nur mit Kopftuch und Sonnenbrille kann ich mich zwar mit viel Fantasie wie ein Filmstar im Cabrio fühlen. Aber eingewickelt in diesen Tschador sehe ich aus wie eine geblümte Ente unter schwarzen Krähen. Und obwohl ich es als frei geborene Europäerin verurteile, wenn jemand zur Verschleierung gezwungen wird, so bin ich doch gleichermaßen fasziniert. Was Religion doch vermag! Warum machen Menschen so was? Warum hoffen sie auf eine göttliche Liebe, die sie vielleicht niemals erlangen? Warum glauben sie an eine Hypothese?

Ich bin abtrünnig, nie trünnig gewesen. Für mich gibt es keinen Gott. Und auch keine Geister, Kobolde oder Einhörner. Jeder mag daran glauben, aber Religion sollte Privatsache sein und sich nicht in staatliche Gefüge einmischen. Darf ich solche säkularen Themen im Iran ansprechen? Hier im Schrein ist vielleicht nicht der beste Augenblick dafür.

Nach dem unsäglichen Mahmud Ahmadinedschad scheint sich der Iran unter dem neuen Präsidenten Hassan Rohani zu öffnen und moderater zu werden. Ich schreibe ganz bewusst »scheint«, denn noch immer unterstehen politische und gesellschaftliche Entscheidungen der Scharia und der Zustimmung des religiösen Führers Ajatollah Ali Khamenei. Die schiitischen Ajatollahs lenken den Staat. Wie viel Macht der Präsident wirklich hat, bleibt fraglich.

Seit der Islamischen Revolution 1979 und Ajatollah Khomeini ist der Iran eine Theokratie. Verschleierung und Verbote bestimmen den Alltag. Eine Diktatur Gottes, in der einzig seine Offenbarung Wahrheit und Gesetz bildet. Die Sittenpolizei überprüft zuweilen immer noch den Sitz des Schleiers. Facebook ist offiziell verboten. Alkohol ist verboten, unverheiratete Pärchen sind verboten. Wer sich nicht daran hält, bekommt Ärger, vielleicht Peitschenhiebe. Ungläubigen und Homosexuellen droht gar die Todesstrafe. Hinter den verschlossenen Türen lebt allerdings eine andere Gesellschaft.

Da wird heimlich der selbst gebrannte Schnaps getrunken und über die Regierung gelästert. Und jeder hat einen Facebook-Account. Angeblich sogar der oberste Sittenwächter Khamenei persönlich. Und Präsident Rohani twittert fleißig.

Die Frage bleibt jedoch, was wäre ohne die konservative Revolution geschehen? Was wäre aus dem Iran und seinem Shah geworden? Hätten sich andere Nationen auf die reichen Ölvorkommen gestürzt und das Land ebenfalls zum Schlachtfeld gemacht? Viele scharrten schon mit den Hufen. Was ist gut und was ist böse? Wo endet die Unabhängigkeit und wo beginnt die Unterdrückung?

Das sind die Bruchstellen, die Risse, die Knackse. Der Iran ist nicht glatt. Nicht kugelrund gelutscht. Der Iran ist widersprüchlich. Selbst wenn das Regime von der Bevölkerung geduldet wird, die Sehnsucht nach Freiheit brodelt wie heißes Wasser in einem Kochtopf. Jeder macht alles. Nur wird darüber eben nicht gesprochen. Und die Obrigkeit duldet es bis zu einem gewissen Grad, um dann wiederum mit voller Härte durchzugreifen.

Ich erinnere mich an die kopftuchlosen, alkoholgetränkten, durchtanzten Nächte. Ich war dabei. Habe sie gesehen und mitgemacht. Männer tanzten mit Frauen, Frauen tanzten mit Männern. Diese geschmeidigen Körperbewegungen der Perser zu gellender Musik. Berührungen zwischen den Unverheirateten. Wodka und Haschisch.

»Hello, my name is Elaheh. I’m your guide. Welcome to Schiraz.« Ich werde aus meinen Gedanken gerissen. Ein adrettes Gesicht, umrahmt von schwarzem Stoff, lächelt mich an. Ich lächele zurück. In perfektem Englisch führt mich Fremdenführerin Elaheh herum. Erst jetzt fällt mir auf, dass ich vergessen habe, den roten Nagellack von meinen Zehen und Fingern zu entfernen. Zu spät. Ich kann nur auf göttliche Großzügigkeit hoffen. Mich puschelt zumindest niemand.

Der Schrein ist prachtvoll und gut besucht und einer der wichtigsten Wallfahrtsorte des schiitischen Islam. Beeindruckend und verschwenderisch glitzert er in der Mittagssonne. Mullahs mit ihren Turbanen und den weiten Gewändern flanieren umher. Schwarz gekleidete Frauen drängeln sich durch den Eingang, um zu beten. Tausende und Abertausende Spiegel- und Kachelmosaiken verzieren die Kuppel und die Innenwände. Immerhin schafft Religion großartige Architektur.

Nach der Führung werde ich freundlich ins International Affairs-Büro zwischen andere geblümte Bettlaken gesetzt. Zwei Holländer und drei Franzosen. Zu Chai und süßem Gebäck überreicht mir Elaheh einen in Deutsch verfassten Flyer des obersten Führers Khamenei, der sich darin an die »Jugend in den westlichen Ländern« wendet. Sie verabschiedet sich. In dem Schreiben wird der Westen für den islamischen Terrorismus und jedwede Gewalt verantwortlich gemacht. Die einfache Botschaft: Religion ist gut, die westliche Maßlosigkeit ist böse.

Ach, wäre die Welt doch so simpel, Herr Khamenei. »Differenzierung statt Propaganda«, möchte man ihm zurufen. Doch die Realität weicht der fanatischen Weltsicht. Und da ist es ganz gleich, ob es sich um Islam, Christentum oder eine andere Ideologie handelt. Verblendung ist universell.

Fündig geworden

Der letzte Abend in Shiraz. Der letzte Abend mit Kourosh. Gleich muss ich zum Bahnhof, den Nachtbus erwischen. Wir essen Fladenbrot und unterhalten uns. Ich habe ihm ebenfalls einen Flyer von Khamenei mitgebracht. Mein Abschiedsgeschenk. Es zieht mich weiter gen Westen, Richtung irakische Grenze. Nach Ahwaz, Susa und dann nach Kermanshah. Touristen werde ich dort kaum noch antreffen. In mir steigt die Nervosität. Komme ich durch? Alleine? Als Frau? Ich hoffe.

Die Iraner sind bisher sehr liebenswürdig und hilfsbereit. Auch wenn ich häufig neugierig angestarrt werde. Doch wirklich alleine war ich nie. Immer sprach mich jemand an. Woher ich käme, wie mir der Iran gefalle und warum ich ohne Ehemann, Vater oder Bruder reise. Nein, alleine war ich nicht. Einsam vielleicht. Ich betrachte Kourosh und lasse mich einfangen. Sein Gesicht ist schön, es erzählt Geschichten. Er bemerkt meine Blicke. Ich schaue weg. »Okay, take your stuff. I drive you to the bus terminal«, sagt er und lächelt verlegen.

Kourosh fährt mich zum Busbahnhof. Er scheint traurig über meine Abreise, lässt es sich aber nicht anmerken. Ich bin auch traurig. Ob wir uns wiedersehen? Ich mag ihn. Ein wenig zu viel vielleicht. Er trägt meinen Rucksack und begleitet mich zum Bussteig.

Abschied. Nur ein kurzer Händedruck. Mehr ist in der Öffentlichkeit nicht erlaubt. Er geht, und ich schaue ihm nach, bis er verschwunden ist. Mein Herz ist schwer.

Im Bus flimmert auf dem Fernseher ein iranischer Spielfilm. Ich sehe ihn mittlerweile zum dritten Mal. Dreimal unfreiwillig. Nach Stunden schläft alles, nur ich bin wach und schaue durch das Fenster ins Dunkel. Schatten ziehen über die einsame Landschaft, die sich in Schwarz hüllt. Als hätte sie ebenfalls einen Tschador übergestreift.

Am nächsten Tag brennt die Sonne auf eine stickige Busstation nur wenige Kilometer vom Irak entfernt. Nun sitze ich hier. Es ist brüllend heiß. Blicke verfolgen mich. Männer schauen verstohlen, umkreisen mich wie ein verletztes Tier. Ich bin immer noch die einzige allein reisende Frau weit und breit. Ich fühle die Einsamkeit. Hierhin verirrt sich kein Tourist. Hierhin will auch keiner. Niemand versteht meine Sprache, ich verstehe niemanden. Unter meinem Kopftuch sammelt sich der Schweiß.

Ich bin müde. Reisemüde. Aber mein Herz ist voll. Randvoll mit Augenblicken. Mit Gesichtern und Musik, mit Düften und bunten Gewürzen, mit Sonne und Himmel. Mit Wüsten und Geschichten. Ein ganzer wuseliger Bazar an Gefühlen, Erinnerungen, Freundlichkeit und Menschen.

Ich erinnere mich an den Taxifahrer in Teheran, der mich aufgrund einer Straßensperrung einen Kilometer zu Fuß brachte. Die alte Frau, die mich durch die halbe Stadt zu einer Sehenswürdigkeit führte und dadurch wie selbstverständlich ihren Bus verpasste. Den Mann, der mich einfach auf dem Motorrad mitnahm und zum Ziel fuhr. Die Frau, die mit zehn Taxifahrern den besten Tarif für mich aushandelte. Den Büroangestellten, der mich in seiner kurzen Mittagspause zu meinem Hotel zurückkutschierte, weil ich verwirrt war. Den Hotelportier, der jedem erzählte, ich sei seine Schwester, und somit die günstigsten Preise für mich raushaute. Die vielen Menschen, die mir Süßigkeiten und Tee anboten. Einfach so. Und alle, die schlicht freundlich zu einer Ausländerin waren und meine Reise auf der angeblichen »Achse des Bösen« so funkeln ließen. In allen Farben. Mein Herz ist voll mit Persien.

Und da klingelt plötzlich mein Handy. Ich schaue auf das Display. Es ist Kourosh. Ich lächele und stecke es zurück in meine Tasche. Alles hat jetzt Zeit. Hier an dieser stickigen Busstation im Nirgendwo. Denn ich habe sie gefunden. Die Schönheit. Sie ist in den Menschen. Dieser Augenblick gehört mir allein und will angeschaut werden. Denn auch das ist Schönheit. Die Flüchtigkeit eines Moments.

Jemand ruft laut »Kermanshah«. Ich schultere meinen Rucksack und gehe. Die Einsamkeit nehme ich mit.

Aber randvoll ist mein Herz.

11 Comment

  1. Eva says:

    Gratulation, deinen Platz im Buch hast Du Dir zurecht ergattert. Eine wunderbare sehr einfühlsame Reiseepisode über ein faszinierendes Land.

    1. Liebe Eva, vielen Dank!!!!

  2. Jens says:

    Gerade bin ich auf diesen wunderbaren Bericht über Spiegel online gestoßen. Selten habe ich eine Reisegeschichte mit so viel Genuss gelesen! Ganz große Klasse! Vielen Dank an Dich!

    1. Lieber Jens. Vielen Dank an dich und vielen Dank für das schöne Kompliment.

  3. Stefan says:

    Dein toller Bericht über diese eindrucksvollen Erlebnisse hat mich gerade ganz wunderbar zurück an meinen eigenen Reisewochen durch Indien erinnert. Vielen Dank für die so schön geschilderten Impressionen dieses spannenden Landes. #keepmoving

    1. Was für ein schönes Kompliment, lieber Stefan. Danke. 🙂

  4. Mohammad says:

    „Ich lächele und stecke es zurück in meine Tasche“. Spätestens hier hatte ich Pipi in den Augen. Natürlich hätte es auch überall anderswo passieren können, „die Schönheit“ zu finden, aber mich erfreut es und erfüllt mich ehrlich gesagt auch mit ein bisschen Stolz, dass du im Iran zu dieser Erkenntnis gekommen bist. Ein persisches Sprichwort besagt: Wer die Rose haben will, darf die Dornen nicht fürchten. Ich finde es ganz stark von dir das du dich „getraut“ hast dorthin zu reisen. Mach weiter so!

    1. Lieber Mohammad, vielen Dank! 🙂
      Was für ein schönes Sprichwort. Das merke ich mir. Danke dafür. 🙂

  5. Mimi says:

    Liebe Eva.
    Auch ich bin über Spiegel online auf Deinen sehr berührenden Bericht aufmerksam geworden. Nur eine kleine Korrektur: den geblümten Tschador bekamst du nicht, weil du Ausländerin bist. Die Tschadors, die man sich ausleihen kann, sind meist hell und geblümt, es gibt keine schwarzen zum Ausleihen. Also auch Iranerinnen, die keinen Tschador besitzen, bekommen einen „nicht-schwarzen“.
    Ansonsten…….. Hut ab, der Bericht war toll. 🙂

    1. Danke Mimi, in Shiraz haben die iranischen Damen ebenfalls schwarze Tschadors ausgeliehen. Aber vielleicht ist das nicht überall so. Das mag durchaus sein. Ich werde das demnächst ergänzen.
      Liebe Grüße
      Nadine

  6. Brigitte says:

    Ich war einmal dienstlich und einmal privat im Iran unterwegs und habe ebenfalls ähnliche Erfahrungen gemacht – es sind mit Abstand die gastfreundlichsten Menschen, die ich je getroffen habe.

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