Prokrastination

Ich wollte diesen Artikel schon längst geschrieben haben, aber ich schob ihn auf. So läuft das oft.

Der Wecker klingelt, ich schäle mich aus der Bettdecke, koche einen Tee und fahre den Rechner hoch. Ich öffne ein leeres Dokument. Und dann miste ich plötzlich den Kleiderschrank aus, putze das Bad, scrolle mich auf Twitter in die Endlosigkeit und hasse mich dafür. Später lese ich ein Buch oder gieße das Basilikum. Getippt habe ich keine Zeile.
Prokrastination nennt man das. Extreme Vermorgung. Angeblich leiden rund 20 Prozent der Deutschen unter dieser Störung. Und nicht nur Studenten, wie man annehmen könnte.
Nach ADHS ist Prokrastination die nächste Trend-Krankheit. Die Universität Münster hat mittlerweile eine Prokrastinationsambulanz eingerichtet. Online kann der Betroffene einen Selbsttest durchführen und herausfinden, wie schlimm es um ihn steht.
Ich befinde mich laut Test im oberen Drittel der Aufschieber. Dennoch versäume ich nie Fristen und gebe immer pünktlich ab. Außer mir leidet also niemand unter meiner Trend-Krankheit. Das ist schon mal gut. In der Selbsttest-Auswertung wird mir trotzdem zu einer Therapie geraten. Ich prokrastiniere zu häufig. Und jedes Mal, wenn ich prokrastiniere, fühle ich mich mies. Dafür ist die Wohnung wenigstens aufgeräumt.
Schlimmer sind aber jene Tage, an denen ich zu lange schlafe und gar nichts schaffe. Und mich sogar das Nichtstun erschöpft. Prokrastination und Depression sind Geschwister. Manchmal flammt jedoch Hoffnung auf. Dann setze ich mich irgendwann an den Schreibtisch. Und warte. Auf den ersten Satz. Das kann dauern. Und wenn nichts kommt, lege ich mich wieder hin. »Nicht heute. Verschieben wir es auf morgen« denke ich mir. So wie Scarlett O’Hara in Vom Winde verweht. Die hat während ihrer Aufschieberitis allerdings Tara komplett herausgeputzt und eine Plantage bewirtschaftet. Ich sauge nur den Teppich.
Forscher glauben, dass Freiberufler häufiger von Prokrastination betroffen sind. Der Bohème-Lifestyle sei schuld. Da ist schließlich kein Chef, der aufpasst und da ist kein Büro, in dem man hockt. Keine Stechuhr, die stempelt und keine geregelte Arbeitszeit, die eingehalten werden muss. Der Bohemien braucht mehr Organisation und Anstrengung, um den Tag zu strukturieren.
Kurzfristig bietet das Aufschieben ja durchaus Erleichterung. Indem ich das Schreiben vermeide, unterdrücke ich meine Angst vor dem Versagen. Je höher der Anspruch, desto wahrscheinlicher die Prokrastination. Ich bin also nicht faul. Ich bin feige. Hurra.
Nun gut, ein Grund zur Freude ist das wohl auch nicht wirklich. Was also tun?
Das Internet rät mir zur Salami-Taktik. Also Bissen für Bissen, Schritt für Schritt. Feste Zeiten setzen, Zwischenziele formulieren. Und für jeden kleinen Erfolg darf ich mich belohnen. Mit anderen Worten: Nach Vollendung dieses Artikels kriege ich ein Eis. Schön.
Aber wer zieht sich jetzt die Schuhe an, geht die drei Stockwerke hinunter, setzt sich aufs Rad, fährt durch die Kälte und holt mir eins?
Ach, verschieben wir es auf morgen.