In einer Limousine durch New York

Düsseldorf. Ich sitze auf meinem Balkon in der Sonne. Es ist winterkalt und doch wird mir warm ums Herz während ich diese Zeilen tippe. Erinnerungen werden wach. An meine erste große Reise. USA.

Meine gute Freundin Trish und ich besuchten unsere gute Freundin Vroni, die als Au-Pair-Mädchen in Baltimore ausharrte. Neben Gettysburg und Washington stand New York auf dem Plan. Aufregend!

19 Jahr, blondes Haar und naiv wie eine Klasse japanischer Schulmädchen in Disneyland – wir waren bereit. Und bewohnten ein unwirtliches Dreibettzimmer im Aladdin Hotel direkt am Times Square. Das übliche Programm: Shopping, doofe Fotos und schlechte Pizza. Alles höchst spannungsreich für uns damals, aber nicht sonderlich erzählenswert heute. Fremde Jungs randvoll mit jugendlichem Testosteron luden uns ein. Zu Wodka, Karaoke, doofen Fotos und schlechter Pizza. Auch nicht wirklich beeindruckend. Aber dann, eines nachts machten wir eine interessante Bekanntschaft. Im Foyer des Aladdin Hotels. Schwarz und rund stand er im Dämmerlicht. Nennen wir ihn James, denn ich habe leider über die Jahre seinen Namen vergessen. Aber an sein Lachen kann ich mich erinnern. Es zog sich einmal um seinen kahlen Kopf herum und weckte nichts als fröhliches Vertrauen. James war Chauffeur und hatte Feierabend. Bis er uns traf.

Es war seine Idee, uns einzuladen, zu einer nächtlichen Spritztour durch New York City. Aber nicht in einem ordinären Taxi, nein, auf uns wartete eine schwarze Stretchlimousine wie ich sie nur aus Filmen kannte. Wir warfen uns in unsere schicksten Klamotten, transten uns auf und waren die Königinnen der Nacht. Zumindest fühlten wir uns so, halb liegend in den edlen Ledersitzen und in Champagner-Laune. Kichernde Gören, unreife Kindfrauen.

Irgendwann stiegen Gäste dazu. Zwei betrunkene Brasilianerinnen und ein zugekokster Börsenmakler. Ich weiß nicht, ob er wirklich Börsenmakler war, aber es hätte sowas wunderbar Klischeehaftes. Wir hörten zusammen laut Gangster-Rap und klapperten ein paar Clubs ab. Überall lotste uns James geschickt am Türsteher vorbei, die er alle zu kennen schien. Ich war nach amerikanischen Maßstäben noch nicht volljährig, aber das interessierte in dieser Nacht niemanden.

Schließlich, und das ist das eigentlich Herausragende, fuhren wir durch Harlem und versackten in einer urigen Jazzbar. Der Morgen graute bereits. Hinter den Tresen rauchte ein bäriger, angejahrter schwarzer Mann genüsslich eine dicke Zigarre. Ein Pianist spielte. James trank einen Whiskey und lachte breit einmal um seinen kahlen Kopf herum. Und ich war völlig trunken vor Glück, hingerissen von der Fügung des Zufalls und dankbar für eine filmreife Nacht mitten in New York.

Zu diesem Zeitpunkt wusste niemand, dass in jener wundersamen Stadt nur wenige Monate später nichts mehr so sein würde, wie es einmal war.