Krakauer Kettensägenmassaker

Wir schreien. Und laufen. Und schreien. Die Kettensäge heult auf. Der Mörder ist uns dicht auf den Fersen.

Wir sind gefangen. In dunklen Gängen. Dawid, Anna und ich. Nur das schwache Licht der Taschenlampe leuchtet uns den Weg durch Räume mit Blutspritzern an den Wänden.

Plötzlich ein Geräusch. Anna und ich fassen uns an den Händen. Sie spricht nur Polnisch, ich Englisch. Die Herzen bumpern. Und um die Ecke biegt er. Der Maskierte.

Grusel 1

Die Kettensäge rattert. Er brüllt. Wir schreien. Dawid versucht mit zittrigen Händen das Türschloss zu öffnen. Der Schlüssel fällt in den Staub. Im Lichtschein der Taschenlampe tasten wir den Boden ab. „Schnell!“ kreische ich auf Deutsch. Dawid erwischt den Schlüssel. Versucht es erneut. Das Schloss springt auf. Wir sprinten in den nächsten Raum. Der Maskierte bleibt ratternd zurück.

Was sich liest wie ein Horrorstreifen – ist auch einer. Dawid, Anna und ich sind in der Lost Souls Alley. Der Name ist Programm. Verloren sind wir, willkürlich zusammen gewürfelt von einer Empfangsdame mit Zahnspange. Diese erklärte uns zuvor die Spielregeln: Nichts umrennen, nichts mitnehmen und die Darsteller nicht anfassen. Wir hingegen dürfen erschreckt, berührt oder heimlich in den Nacken gehaucht werden. Das gehört zum Schauderpaket dazu.

Grusel

Das abgerockte kleine Gruselhaus steht mitten in Krakau, versteckt in einem Hinterhof, und lädt Wagemutige oder Hoffnungslose in eine ganz besondere Geisterbahn ein. Man arbeitet sich Raum für Raum vor, löst Rätsel, öffnet Türen. Und immer wieder erscheinen böse Zombies oder Serienkiller, um zu schlachten. Natürlich weiß ein jeder: das ist nur Show. Hier stirbt niemand. Doch trotzdem wird man auf die niedersten Instinkte zurück geworfen. Der Mensch will überleben. Adrenalin durchflutet den Körper und peitscht die zahlenden Gäste durch die Flure.

Nach 15 Minuten ist der Schabernack vorüber. Ich habe lange nicht mehr so viel geschrien und gelacht. Draußen sitzen die Horror-Akteure und rauchen und essen Butterbrote. Langhaarige Studenten, freundlich winkend.

Nach der Dunkelheit und dem Schrecken des Gruselhauses leuchtet Krakau ein paar Lux heller. Und ich bin hellwach. So streife ich umher und beobachte eine herrliche Szene: Eine hübsche Frau, wahrscheinlich Kellnerin des nahegelegenen Cafes, ist umringt von rund zehn Männern. Bauarbeiter, die das Kopfsteinpflaster aufschlagen. Aber sie baggern nicht, sie sitzen oder stehen einfach nur da. Lächelnd. Während das Mädchen raucht und erzählt. Alle hören ihr gebannt zu. Und bewundern sie.

Ich gehe weiter. Ebenfalls lächelnd. Und tauche ab in die Gassen.

Krakau1