Noch Butter?

So viel Himmel. Nirgendwo gibt es so viel Himmel. Tiefblau, unterbrochen von strahlendweißen Zuckerwattewolken. Eingerahmt von sanften grünen Hügeln. Fast greifbar erscheint er. Man muss sich nur strecken und kann ihn berühren. Tiefenschärfe. Der Blick hinein ins Unermessliche. Unendlich weit und wie gemalt. Als hätte ein Künstler all sein Blau auf die Leinwand geschüttet. Verschwenderisch und selbstvergessend. Der ewig blaue Himmel wird von den Mongolen als heilig verehrt und ich stimme ihnen zu. In keinem anderen Land der Welt habe ich bisher so viel Himmel gesehen.

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Wir lebten eine Weile mitten unter Nomaden. Weit ab von jeglicher Zivilisation und irgendwo im mongolischen Grasland. Björn saß vor unserer kleinen Jurte und las ein Buch. Eine Ziege schaute ihm dabei neugierig zu. Ich entschied mich, ein wenig hinaus ins Outback zu wandern, das Zeltlager zu verlassen. Hinaus in die Einsamkeit. P1010232

Wohnt man in Großstädten, so hört man stets ein leises Grundrauschen. Autos, Züge, Menschen. Es ist nie wirklich still. Doch da draußen im mongolischen Grasland erholen sich die Ohren. Und die Augen. Und die Nase. Man hört Stille, sieht Weite und riecht Wiese. Gelegentlich wiehern Pferde, meckern Ziegen oder grunzen Yaks. Doch ansonsten ist es still. Das verwirrte mich. Und beruhigte mich zugleich.

Nach Ulaanbaatar tat sich nun ein völlig anderes Land vor uns auf. Während die mongolische Haupstadt uns dreckig und unfreundlich empfing, nach chinesischer Leuchtreklame und sterbenden Sozialismus roch, war hier im Nirgendwo nun Frieden eingekehrt.

Der “Rote Held”, so heißt Ulaanbaatar übersetzt, beherbergt knapp 40 % aller Mongolen. Insgesamt leben nur drei Millionen Menschen in dem Land, das viereinhalb Mal so groß ist wie die Bundesrepublik. Die wenigen Tage, die Björn und ich in der Hauptstadt verbrachten, waren verstörend. Abgesehen vom Süchbaatar-Platz mit der imposanten Dschingis-Khan-Statue, ist Ulaanbaatar ein Moloch. Schon nachmittags betranken wir uns, nur um die bedrückende Atmosphäre zu ertragen. Doch all dies schien im sattgrünen Grasland vergessen. P1010294

Ich hockte auf einem Stein und schaute. Einfach schauen. In die Ferne. Der Blick bleibt an keiner Häuserwand, an keiner Laterne oder Straßenecke haften. Er reicht bis zum Horizont. Wellness für die Augen.

Am Abend gab es gekochtes Hammelfleisch und Airag, das mongolische Nationalgetränk. Vergorene Stutenmilch. Geschmacklich ähnelt es Kefir mit Federweißer. Sonderbar, aber ich mochte es. Morgens tranken wir dann heiße Yakmilch mit Butter. Sehr viel Butter. Und sobald einer von uns seinen Becher ausgeschlürft hatte, folgte sogleich die nächste Kelle Milch und natürlich Butter. Sehr viel Butter. Von Stuten und Yaks. Aber tatsächlich köstlich. P1000994

Am ersten Tag passierte Björn geradewegs ein Fauxpas. In der Annahme, man solle immer alles brav aufessen, um mögliche Unhöflichkeiten zu vermeiden, schenkte unsere mongolische Gastfamilie ständig nach und wunderte sich sehr über diesen gefräßigen Deutschen. Vier Teller wurden ihm bereits mit Hammelfleisch gefüllt und Björn lächelte verkrampft. Die Hausherrin deutete dies wohl als Hunger und fühlte sich verpflichtet, ihn erstaunt auf mongolisch zu fragen: “Etwa noch mehr?”. Ihre Hoffnung auf ein klares Nein seinerseits wurde zerstört. Björn nickte aus Gefälligkeit und Resignation.

Ich fand es lustig. So war mir doch nur wenige Stunden zuvor ebenfalls ein Missgeschick passiert. Tausendmal hatte ich es gelesen; man dürfe unter gar keinen Umständen auf die Türschwelle der Jurte treten. Das gäbe schlimmes Unglück. Diese Hiobsbotschaft betete ich Björn indoktrinierend vor. Nun, wer trat wohl als erstes auf die Schwelle und stieß sich dann noch den Kopf? Björn lachte mich aus. Seine Strafe folgte auf dem Fuße. Abends lag er dann auf seiner Pritsche und war bewegungsunfähig.

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An das Leben in der Jurte, dem Rundzelt mit dem alten Eisenofen in der Mitte, gewöhnte ich mich schnell. Manche Zelte hatten sogar Solarzellen auf dem Dach. Den fehlenden Handyempfang konnte ich sehr gut verschmerzen. Und selbst das Erdloch hinter dem Hügel, in dem man sein Geschäft verrichten sollte, empfand ich nach ein paar Tagen nicht mehr allzu befremdlich.

Ich lernte schon in dieser kurzen Zeit, mit viel weniger Luxus auszukommen als ich dachte. Brauchte ich überhaupt all diesen westlichen Pomp? Ist er nicht nur Ballast? Beschwert er nicht Heim und Herz? Nun gut, eine Dusche fehlte mir schon. Ein Bad im eiskalten Fluss war mir doch etwas zu ursprünglich. Aber vielleicht hätte ich mich damit auch noch angefreundet.

Tagsüber vertrieben wir uns die Zeit mit Ausritten. Für Björn war es die Hölle. Für sein Pferd wahrscheinlich auch. Er hatte zuvor noch niemals in einem Sattel gesessen und er litt sehr. Am dritten Tag gab er auf. Als der Nomadenjunge mit mir alleine durch die günen Weiten galoppierte war ich glücklich. Fliegende Haare. Wind auf der Haut. Viel näher war ich der Freiheit bisher noch nicht gekommen. Und ich verstand auf einmal, warum die Mongolen lieber als Nomaden durch die unendliche Steppe ziehen als in stickigen Metropolen zu leben. Auch wenn die wirtschaftlichen Entwicklungen sie mehr und mehr dazu zwingen.

Überhaupt schienen sie sehr zufrieden mit Ihrem Leben im Grasland. Mit all den Tieren und trotz der Entbehrungen. Die Kinder spielten mit den jungen Pferden und tollten herum. Selbst die Kleinste hatte keinerlei Furcht. Fiel sie hin, weinte sie nicht, sondern stand sogleich auf und rannte ihrer Baby-Ziege hinterher. Tüti hieß das kleine Mädchen und sie machte viel Unsinn. Niedlich war sie trotzdem. Auch wenn sie selten lächelte und zumeist ein sehr ernstes Gesicht zeigte.

Wenn sie nicht gerade im Matsch lag oder der kleinen Ziege am Schwänzchen zog, bekam sie von ihrem großen Bruder die Welt erklärt. Manchmal schnorrte sie aber auch mit ihrer Schwester zusammen Bonbons von uns. Das klappte immer. P1010235

Ich frage mich, was aus diesen Kindern wohl werden wird? Gehen sie auch irgendwann nach Ulaanbaatar? Wird Tüti etwa in einer Bank arbeiten? Können sie in der Großstadt überhaupt glücklich werden? Was wird aus der Nomaden-Kultur?

Wahrscheinlich fällt irgendwann die Tourismus-Industrie über dieses Land her. Oder China schwabbt vollends über die Grenzen. Für die mongolischen Traditionen wäre beides tödlich. Schon seit Jahrhunderten ziehen die Nomadenstämme durch die weite Steppe von Weideland zu Weideland. Die Frauen melken alle paar Stunden die Stuten und kümmern sich um Kinder und Jurten, während die Männer wilde Pferde einfangen und zureiten. Die Schafsherden müssen gehütet werden und die Kaschmirziegen gekämmt. Bestimmend ist keine Uhr, sondern der Taglauf und die Jahreszeit. Und das Pferd. Schon mit drei Jahren sitzen die Kinder fest im Sattel. Trotz des rauen Klimas und der harten Bedingungen wirkt das Leben da draußen tatsächlich friedlich. Es heißt nicht umsonst in einem mongolischen Sprichwort: „Die Steppe gibt die Freiheit, die Steppe gibt das Glück.“ Das habe ich gespürt.

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Irgendwann war die Zeit des Abschieds gekommen. Schweren Herzens machten wir uns zurück auf den Weg nach Ulaanbaatar. Und lange nach dieser Reise, als wir schon längst daheim in Düsseldorf waren, ummantelt vom grauen Einerlei, schwärmten wir noch von unserer kleinen Jurte. Vielleicht empfanden wir diese paar Tage auch nur so wundervoll, da wir als Gäste geladen waren. Nomaden auf Zeit. Nach wie vor unwissend. Uns betrafen die täglichen Unwegsamkeiten nicht. Wir konnten gucken und staunen und uns über den blauen Himmel mit den Zuckerwattewolken wundern. All dies verklärt sich in der Erinnerung zu einem romantischen Eiland. Und so bleiben jene Tage im Nirgendwo für uns ein Stück paradiesischer Frieden zwischen sattgrünen Hügeln. Auch wenn der mongolische Alltag vielleicht ganz anders aussehen mag.

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9 Comment

  1. Jede(r), der das Reisen mag, sollte diesen Himmel einmal gesehen haben. Das Waschen im Fluss war auch gar nicht schlimm. Etwas umständlich, aber irgendwie eine interessante Abwechslung.

    Mir ist lange klar, dass wir uns hierzulande mit vielen, wenn auch manchmal sehr praktischen Dingen umgeben, die wir eigentlich nicht brauchen. An so einem Ort wird es dann ganz deutlich.

    1. Manchmal muss man erst ans Ende der Welt reisen, um zu verstehen, worauf es ankommt. Oder eben nicht.

  2. Patricia says:

    Allein das Lesen lässt mein Herz leicht und den Geist ruhig werden! Wunderbar! Vielen Dank!

    1. Ich danke dir sehr, liebe Patricia.

  3. iKa says:

    Schön erzählt, danke. 🙂 Ich käme zwar nicht mit der Milch-Butter-Diät klar, aber der Rest liest sich wundervoll und macht Lust auf mehr.

    1. Dankeschön. Ja, das Essen war schon etwas gewöhnungsbedürftig. Laktoseintolerant sollte man besser nicht sein. 😉

  4. Silvia Lorenz says:

    Wieder super geschrieben, so daß man meint dabei gewesen zu sein. Danke.

    1. Vielen Dank. Das war aber auch einfach ein schöner Ort. 😉

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