Zwischen Himmel und Hölle

In alten Zeiten war der mächtige Baikal fröhlich und gutmütig. Unbändig liebte er seine einzige Tochter namens Angara. Schöner als sie gab es keine auf Erden. Der alte Baikal hütete seine Tochter mehr als sein eigenes Herz. Doch als er einmal eingeschlafen war, machte sich Angara plötzlich auf und lief davon zum Jüngling Jenissei. Der Vater erwachte, schlug erzürnt auf die Wellen.

Da erhob sich ein wütender Sturmwind, aufschluchzten die Berge, es stürzten die Wälder, schwarz wurde vor Kummer der Himmel. Der mächtige Baikal drosch auf einen eisgrauen Berg ein, brach einen Felsen von ihm ab und schleuderte ihn der flüchtigen Tochter nach. Der Fels fiel der Schönen direkt auf die Kehle.

Da hob die blauäugige Angara an zu flehen, rang nach Luft, schluchzte und bat: “Vater, ich sterbe vor Durst, verzeih mir und gib mir ein einziges Tröpfchen Wasser!” Doch der Baikal rief zornig: “Ich gebe dir meine Tränen!” … Tausende von Jahren fließt nun die Angara in den Jenissei als Tränenwasser, und der grauhaarige, vereinsamte Baikal wurde mürrisch und furchtbar.

 

Plötzlich erscheint er hinter dichten Bäumen. Erhaben und ruhig. Schlafend. Es ist Sommer und früh am Morgen. Nebelschwaden liegen träge auf dem Wasser. Ein wahrhaft magischer Anblick, den selbst die ruckelige Fahrt in einem winzigen Bus nicht trüben kann.

Der Baikalsee gilt als der tiefste und mit seinen 25 Millionen Jahren älteste Süßwassersee der Erde. Sein Abfluss, die Angara, fließt über den Jenissei in das Polarmeer. Eine unglaubliche Weite.

Am Ufer zu sitzen, den Wellen zu lauschen und in diese endlose Ferne zu blicken ist beinahe unwirklich. Ein himmlisches Fleckchen Erde. Wäre da nicht ein dicker Wermutstropfen: Das Örtchen Listwjanka, in dem ich nun gestrandet bin, nahe der Stelle, an der die Angara dem Baikalsee entfließt.

Lieblos und dreckig ist dieser Touristenort. Schäbige Imbissbuden, ramschige Souvenir-Stände und 90er Jahre Dancefloor-Pop samt der musikalischen Verbrechen von Modern Talking knarzen aus Lautsprechern, vernebeln mir Geist und Gehör. Die sibirische Hölle.

Wo sind all die netten kleinen Straßencafés, Strandbars und die heiteren Menschen, die von der Schönheit der Natur ergriffen sind? …

Und da ist sie wieder – meine Schublade im Hirn. Ich denke zu europäisch. Woanders ist es eben anders. Punkt.

Bis zu den Waden traue ich mich in den Baikal und erstarre fast bei fünf Grad Wassertemperatur. Mutiger werde ich nicht mehr. Aber immerhin kann ich behaupten, im ältesten Süßwassersee der Erde gestanden zu haben. Für zehn Sekunden.

Am Strand wird der Fisch Omul geräuchert und verkauft, den es nur in diesem See gibt. Ich trinke ein sibirisches Bier, auf dem ein Panzer im Krieg abgebildet ist und wundere mich nicht mehr. Der Abend naht und der alte Baikal legt sich wieder schlafen. Majestätisch und friedlich. Vielleicht kehre ich eines Tages hierhin zurück. Dann allerdings nicht mehr nach Listwjanka.