Ein fliegender Spanier in Bayern

“Wenn ich sage ‘renn’, dann rennst du!” Der Spanier klang ernst. Ich nickte brav. Wir warteten. Auf Wind. Angeschnallt und angegurtet an einen riesigen Gleitschirm, der hinter uns im Gras lag und zuckte. Und dann plötzlich: “Jetzt! Renn! Renn! Schneller!” Ich rannte. Wir hoben ab. Noch in der Luft rannte ich weiter und schon waren wir 1600 Meter über der Erde. Der Spanier wurschtelte hinter mir herum. Unter unseren Füßen war Leere. Der Wind rauschte in den Ohren, die warme Mittagssonne blendete.

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Mehr als 5000 Starts hatte der Spanier bereits absolviert. Braungebrannt, durchtrainiert, tätowiert. Lässige Jeans und coole Sonnenbrille. Er hätte auch Skilehrer sein können. Oder Rennfahrer. Oder Stallbusche in einer Latino-Seifenoper. Und das mitten in Bayern! Ich fand das großartig. Als er mir die Sicherheitsvorkehrungen erklärte, verstand ich nur ein Viertel. Wobei es mir mit den bayerischen Ureinwohnern nicht anders erging.

Nun waren wir also im Himmel. Wir flogen. Über Wiesen und an Bergen vorbei. Die Sicht war einmalig. Und doch stellte sich kein Hochgefühl ein. Es gab kein Adrenalin, keine Aufregung. Ich empfand das Fliegen als schön und banal zugleich. Keine Wolke 7. Eher eine Wolke 3. Vielleicht. Hätte ich mich vielleicht doch vorher aus einem Flugzeug stürzen sollen? War ich unfähig, dieses entspannte Gleiten zu genießen? Es passierte nichts in mir. Das bedrückte mich. Ich durfte den Schirm sogar selbst lenken. Und auch das löste keinen Freudentaumel aus.

“Wie gefällt es dir, Guapa?” fragte mich der Spanier so erwartungsvoll wie ein Liebhaber. Ich überlegte, zögerte. Er fragte nochmals: “Ist es gut?” Er war offensichtlich mehr Euphorie gewohnt. “Ja, cool”, erwiderte ich schließlich. Mehr fiel mir nicht ein.

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Der Flug war kurz und wir setzten zur Landung an, umkreisten die Rasenfläche. Leute schauten zu. Das Ende war genauso sanft wie der Beginn. Wir plumpsten ins Gras und Sebastiao lachte. Ich freute mich mit ihm. Und ich freute mich auch über dieses heitere Wetter, diesen letzten sonnigen Tag bevor der Regen den Sommer wegspülte. So durfte ich tatsächlich fliegen und die Welt von oben betrachten. Auch wenn das Glücksgefühl ausblieb. Aber vielleicht braucht es das nicht immer.

Der Spanier schnallte mich ab und fragte: “Habe ich dich glücklich gemacht?” Und ich antwortete so, wie man auf diese Frage nur antworten kann: “Ja, du hast mich glücklich gemacht.” Dann bezahlte ich ihn und ging. Wir sahen uns nie wieder.