Ein fliegender Spanier in Bayern

“Wenn ich sage ‘renn’, dann rennst du!” Sebastiao klang ernst. Ich nickte brav. Wir warteten. Auf Wind. Angeschnallt und angegurtet an einen riesigen Gleitschirm, der hinter uns im Grase lag und zuckte. Und dann plötzlich: “Jetzt! Renn! Renn! Schneller!” Ich rannte. Wir hoben ab. Sanft und fließend. Noch in der Luft rannte ich weiter und schon waren wir 1600 Meter über der Erde. Sebastiao wurschtelte hinter mir herum. Unter unseren Füßen war Leere. Der Wind rauschte in den Ohren, die warme Mittagssonne blendete.

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Mehr als 5000 Starts hatte der hübsche Spanier bereits absolviert. Braungebrannt, durchtrainiert, tätowiert. Lässige Jeans und coole Sonnenbrille. Er hätte auch Skilehrer, Rennfahrer oder Schauspieler in einer Latino-Seifenoper sein können. Mit seinem spanischen Akzent und dem Lausbuben-Charme erfüllte er sämtliche Klischees des vermeintlich heißblütigen Südländers. Die guten und die schlechten. Ich fand es großartig. Und das mitten in Bayern! Wenn er mir Geschichten über Berge und Flüge erzählte, verstand ich nur ein Viertel. Wobei es mir mit den Bayern damit auch nicht anders erging.

Nun waren wir also im Himmel. Wir flogen über Landstriche und an Berge vorbei. Die Sicht war einmalig. Und doch stellte sich kein Hochgefühl ein. Es gab kein Adrenalin, keine Aufregung. Ich empfand das Fliegen als schön und banal zugleich. Keine Wolke 7. Eher eine Wolke 3. Vielleicht. Hätte ich mich vielleicht doch vorher aus einem Flugzeug stürzen sollen? War ich unfähig, dieses entspannte Gleiten zu genießen? Es passierte nichts in mir. Das bedrückte mich. Ich durfte den Schirm sogar selbst lenken. Und auch das versetzte mich nicht in einen Gefühlsüberschwang.

“Wie gefällt es dir, Guapa?” fragte mich mein spanischer Pilot erwartungsvoll wie ein Liebhaber. Ich überlegte, zögerte. Er fragte nochmals: “Ist es gut?” Er war offensichtlich mehr Euphorie gewohnt. “Ja, cool”, erwiderte ich schließlich. Mehr fiel mir nicht ein. Gelogen hatte ich nicht. Es war cool. Aber eben nicht außergewöhnlich.

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Der Flug war kurz und wir setzten zur Landung an, umkreisten die Rasenfläche. Leute schauten zu. Das Ende war genauso sanft wie der Beginn. Ruhig und selbstverständlich. Wir saßen im Gras und Sebastiao lachte. Ich freute mich mit ihm. Und ich freute mich auch über dieses heitere Wetter, diesen letzten sonnigen Tag bevor der Regen den Sommer wegspülte. So durfte ich tatsächlich fliegen und die Welt aus Vogelperspektive bewundern. Auch wenn ein Glücksgefühl ausblieb. Aber vielleicht braucht es das nicht immer.

Sebastiao schnallte mich ab und fragte schließlich mit seinem rassigen Akzent: “Habe ich dich glücklich gemacht?” Und ich antwortete so, wie man auf diese Frage nur antworten kann: “Ja, du hast mich glücklich gemacht.” Dann bezahlte ich ihn und ging. Wir sahen uns nie wieder.