Am Ende ein neuer Anfang

So viel war los. 2016. Weltweit und auch in mir. So vieles hat sich verändert. Ich bin ein paar Mü reifer geworden. Das ist gut.

In diesem Jahr – mein eigenes Jahr – wurde ich im Zeitraffer erwachsen. Denke ich zehn Monate zurück, so komme ich mir nicht nur blauäugig, sondern zuweilen stupide vor.

Was ich alles nicht wusste. Über die Welt. Über mich.

Ich weiß immer noch recht wenig. Aber schon ein wenig mehr. Ich weiß zum Beispiel, dass das Wort „Abenteuer“ Murks ist. Nur eine Hülse, ein Stimmungsaufheller ohne Tiefenschärfe. Anfangs wollte ich doch tatsächlich eine Abenteurerin sein, eine Entdeckerin. So ein Schwachsinn. Bin ich nicht. Höchstens eine Suchende.

Früher klang das Wort noch magisch. Früher, als Edmund Hillary den Mount Everest bestieg oder Roald Amundsen zum Südpol reiste. Und selbst, wenn ich das Gleiche täte (ich würde selbstredend scheitern), wäre es doch nur nachgemacht. Ich hefte mir das Wort nicht mehr ans Revers. Es ist bloß Hochstapelei.

Dann schwirrte der Begriff „digitale Nomadin“ durch mein Hirn. Das klingt fesch. Das tönt hip. Bin ich ebenfalls nicht. Werde ich auch nie.

Um ehrlich zu sein: Ich hasse die ständige Vernetzung. Es lenkt mich ab und verstellt meinen Blick. Und ich möchte nicht (mehr) durch die Welt reisen, ja rasen, und sogleich alles Erlebte in einen Laptop hacken, die tausendste Packliste posten und Glückskeksweisheiten über das ständige-unterwegs-sein ablaichen. Nur für den verdammten Traffic auf meinem Blog. Das ewige Werben für noch mehr Klicks ist mir zu anstrengend. Ich bin die schlechteste digitale Nomadin auf der ganzen Welt.

Natürlich benutze ich Facebook, Instagram und Twitter. Manchmal sogar gerne. Aber ich bin so schrecklich uninspiriert und faul, dass ich es auf Twitter nie über 30 Follower hinaus schaffen werde.

Was bin ich denn nun? Vielleicht eine Reisende. Das soll reichen. Das ist genug.

Und dieses Jahr 2016 hat mich mit einigen Reisen beschenkt: Iran, Polen, Türkei, Griechenland, Frankreich, Japan.

Reisen, die mein Leben verändert haben. Wie der Iran. Ein Land, mit dem ich noch lange nicht fertig bin. Ein Land, das mich staunen lässt. Und wütend macht. Ein Land, in das ich mich verliebt habe. Ein Land, das mich reifer hat werden lassen und vieles auf den Kopf stellt.

Mit einer schweren Lungenentzündung kehrte ich zurück. Zehn Wochen darbte ich an einer unbekannten Infektion. Nach all den Röntgen-Aufnahmen, CTs und MRTs fanden die Ärtze schließlich noch etwas anderes. Etwas, das vielleicht schon viele Jahre in meinem Brustkorb, tief versteckt, wucherte. Eine gewebliche Veränderung. Einen Tumor. Etwas, das man nicht einordnen konnte. Etwas, das Fragen aufwarf. Über mein Leben, über meinen Körper, über die Endlichkeit.

Sieben Stunden dauerte die Operation. Das verfluchte Ding war mir bis in den Hals gewachsen. Monatelange Schmerzen und Kraftlosigkeit, wochenlanges Warten auf das Ergebnis. Ist es Krebs oder nicht? Folgt die Chemo oder nicht? Es war kein Krebs.

Noch im Krankenhaus erfuhr ich, dass ich den Schreibwettbewerb „The Travel Episodes“ gewonnen hatte und dass nun meine Iran-Reportage „Randvoll ist mein Herz“ im neuen Travel Episodes Geschichtenband publiziert wird. Und das war erst der Anfang.

SPIEGEL ONLINE veröffentliche ebenfalls einen Auszug meiner Story, ich schreibe nun für den großen, preisgekrönten Blog Reisedepeschen, das Lufthansa Magazin porträtierte mich als Travelbloggerin und ich habe kürzlich mit dem Piper Verlag einen Buchvertrag abgeschlossen.

Wie glücklich kann man sein? Mein Herz ist in der Tat randvoll. Ich fühle mich sehr beschenkt und bin dankbar.

Und deshalb kann ich nun herzensvoll und doch federleicht alte Worthülsen und Vorstellungen loslassen. Sie in die Wolken aufsteigen sehen, wo sie verpuffen. Alles nicht mehr wichtig.

Wichtig sind die Begegnungen mit geistreichen Menschen überall auf der Welt, die mich wirklich inspirieren, die mich anstacheln, die manchmal auch wehtun. Das ist wichtig.

Wichtig ist Wärme. Die brauche ich zuweilen, damit ich nicht irgendwann als alte misanthropische Hexe vor mich hin kompostiere und mit meinen 13 Katzen spreche.

Gesundheit ist wichtig, ja. Schokolade auch. Manchmal Bier und Champagner. Und die Neugier, die Sehnsucht nach dem Wunder Welt. Das ist wichtig. Das bleibt – wächst jeden Tag.

Das darf wuchern.

 

11 Comment

  1. Liebe Nadine, deine Worte sprechen mich so sehr an. Vieles empfinde ich sehr ähnlich, teils genau so. Fluch und Segen zugleich ist das digitale Vernetztsein. Ich freue mich, dass es für dich das Sprungbrett war, deinem Weg zu folgen. Noch mehr freut mich, dass deine Diagnose eine gute war. 2016 hatte es in sich. Für viele Menschen auf der ganzen Welt, für einige, die mir sehr nah sind und auch für mich selbst. Freue mich, wenn wir uns irgendwann, irgendwo wiederbegegnen. Bis dahin bleibt das Netz . Dagmar

    1. Dagmar, vielen, vielen Dank für deine lieben Worte. Ja, das Jahr war für viele Menschen recht turbulent, denke ich.
      Ich persönlich habe den Wert der eigenen Gesundheit kennengelernt. Das ist gut.
      Klar sehen wir uns wieder. Ich hoffe sehr 2017. Alles Liebe bis dahin. 🙂

  2. Franziska says:

    Starke Worte!
    Liebe Nadine, alles Gute für 2017!

  3. Danke! 🙂 Dir auch, liebe Franziska.

  4. Peter says:

    Hallo Nadine,

    sorry, ich bin kein Mensch der großen Worte, bin keiner, der hier öffentlich gerne seine Meinung kundtut, bin eher einer, der die zwischenmenschlichen Gedankenwechsel im Verborgenen, sprich unter 4 Augen und Ohren, austragen möchte.
    Dieser Artikel allerdings beinhaltet so unglaublich vieles, so viel -auch auf mich- uneingeschränkt zutreffendes. Er stülpt meine Seele nach aussen und direkt in dieses Kommentarfeld hinein. Treffer versenkt. Und dennoch fallen mir die Worte schwer…
    Um es kurz zu machen: ein treffender, wie immer wortgewaltiger Ausdruck deiner Gedanken, Gefühle, Empfindungen…
    Der Piper Verlag darf sich freuen auf dich. Und ich freue mich auf das Buch !

    Liebe Grüße

  5. Und dennoch schreibst du hier, lieber Peter, und ich finde deine Worte sprudeln federleicht und ich bin sehr froh über deine Zeilen. Ich danke dir dafür und es bedeutet mir (wirklich) viel. Danke.
    Alles, alles Liebe für dich
    Nadine

  6. N. says:

    Mein Glück
    Seit ich des Suchens müde ward,
    erlernte ich das Finden.
    Seit mir ein Wind hielt Widerpart,
    segl‘ ich mit allen Winden. 😉

    ( Nietzsche )

    1. Der Herr Nietzsche wusste auch dieses Mal, wovon er sprach. 😉

  7. Oh, ich schreibe auf jeden Fall weiter, keine Sorge. 😉
    Ich unterwerfe mich nur nicht mehr Klickzahlen und poste alles wild.
    Aber Reiseberichte und ähnliches wird es auch weiterhin geben. Daran ändert sich nichts. 🙂

    Liebe Grüße
    Nadine

  8. Liebe Nadine,
    was für ein bewegtes und bewegendes Jahr. Und wie gut, dass alles überragend gut wurde. Halt sie fest, die Glückssträhne. Lass sie nicht mehr los. Ich freu mich auf noch viele Geschichten von dir und bin gespannt auf dein Buch.
    Liebe Grüße
    Lu

    1. Liebste Lu, welch schöne Zeilen! Ich freue mich sehr darüber und danke dir.
      Ich wünsche dir selbiges, nämlich Glück, Reisen und Geschichten! Viel mehr braucht man nicht. 🙂
      Liebe Grüße
      Nadine

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