Theater am Hindukusch – Teil 3

Teil 3

Es wirkt friedlich und doch spüre ich die unterschwellige Bedrohung, die in jede Pore sickert. Nichts deutet sich an und doch könnte es unvermittelt passieren. Ein Angriff. Ein gescheiterter Einsatz. Verwundete. Tote. Das ist der Alltag der Soldaten im Camp Marmal.

René und ich sitzen noch draußen am Tisch. Spät in der Nacht. Es ist warm und still. Der Rest unserer Gruppe schläft bereits. Morgen ist ihr großer Tag. Generalprobe und dann der Auftritt vor 200 Soldaten. René und ich sind zu wach für Schlaf. Der Ausflug in die Stadt Mazar-e Sharif zerwühlt unser Innerstes. Zuviele Gedanken und Emotionen, die verarbeitet werden müssen. Die Gesichter der Menschen, der Staub der Straßen, die bunten Farben des Bazars.

Wir unterhalten uns über all das, versuchen zu begreifen, was wir erlebten. Wie privilegiert wir sind. Nicht nur, dass wir diese Abenteuer bestreiten dürfen, sondern weil es uns gut geht. In Europa, in Deutschland. Wir müssen uns nicht ängstigen. René braucht in keinen Krieg ziehen und mich zwingt niemand in eine Burka. Wir haben Strom und Wasser und treten nicht auf Landminen, die uns in Stücke reißen.

Afghanistan – Friedhof der Weltmächte. So nannte einst die US-amerikanische Politikerin Condoleezza Rice das Land. Einen Friedhof. Das macht uns nachdenklich und traurig. Wie gerne wären wir durch dieses faszinierende Afghanistan gereist, das soviel Schönheit zu bieten hat. Schneebedeckte Berge, grüne Täler, steinige Wüsten. Nomaden, kleine Dörfer, Geschichte und die sagenumwobene Seidenstraße. Wie gerne hätten wir Kabul gesehen. Diese geschundene Stadt. In der vor wenigen Jahrzehnten noch Hippies rasteten, auf dem Weg ins indische Goa. Wie gerne hätten wir mehr verstanden.

Wir sprechen auch über die Soldaten. Über ihre stete Anspannung. Es herrscht im gesamten Camp eine konzentrierte, gesammelte und sehr respektvolle Stimmung. Selbst in der Kantine ist es ruhig. „Unsere Kameraden sind da draußen“, erklärte es mir Oberfeldwebel Jan gleich am ersten Tag, „wir machen dann keine Party.“

Nichts unterstreicht diese Aussage mehr, als ein Foto, das ich am Nachmittag geschossen hatte. Das Bild zeigt einen Basketballkorb. Einsam und verlassen. Niemand spielt. Trostlos steht er da. Dieser Korb ist in seiner Existenz so aberwitzig sinnlos. So sinnlos wie der ganze Krieg.

Camp Marmal

Die Offenheit der Soldaten überrascht mich. Sie sprechen über Ängste, Lagerkoller und traumatisierte Kollegen. Und die ständige Bereitschaft. Das zehrt. Und diese Tatsache wird in Deutschland oft vergessen. Man muss nicht im Schützengraben liegen, um zerrissen zu werden. Die tägliche Konfrontation mit Krieg ist beschwerlich. Viele Familien zerbrechen daran. Die Heimgekehrten finden nicht zurück. Afghanistan – Friedhof der Seelen. Der Morgen bricht an und ein jeder geht in seine Stube. An Schlaf ist nicht mehr zu denken.

Es ist Sonntag früh. René und ich drehen eine Soldatenmesse, machen Interviews mit dem Pfarrer und Besuchern. Presseoffizierin Anja führt uns zum internen Bazar, in dem Locals ihre Waren anbieten. Schmuck, Gewürze, Teppiche. Im gesamten Feldlager arbeiten Afghanen. Als Händler, Busfahrer oder Putzkräfte. Wir holen O-Töne. Alle Locals finden die ausländischen Streitkräfte toll. Ob das stimmt? Wir drehen Straßen und Zelte und das Marmal-Gebirge. Ausläufer des Hindukusch. Bisher ein guter Tag.

Hindukusch 2

Am Nachmittag stoßen wir zur Generalprobe unserer Theratergruppe. In dem großen Veranstaltungsraum ist die Bühne eingerichtet und wartet darauf, bespielt zu werden. Wir besetzen eine Stuhlreihe, positionieren die Kamera und spüren ganz deutlich die schwelende Explosion. Martin sieht uns, grüßt nicht. Die restlichen sieben Schauspieler wirken angespannt. Eine leise Ahnung hatte sich die letzten Tage schon abgezeichnet, doch nun ist sie bittere Gewissheit: Das Stück ist miserabel. Ein szenischer Liederabend soll es sein. Nur kann bedauerlicherweise keiner der Akteure singen. Auch das schauspielerische Talent hält sich bei vielen in Grenzen.

Ich wusste es, habe es aber vor dem Ensemble nie laut ausgesprochen. Das ist nicht meine Aufgabe. René teilt meine Meinung und sogar Regisseur Martin, selbst ein guter Schauspieler, war bereits in Deutschland von der Leistung seiner Klasse und der Qualität des Stückes nicht überzeugt. Was in Köln in einer mittelmäßigen Theaterschule funktioniert hat, droht nun im fernen Krisengebiet vor 200 erwachsenen Soldaten gnadenlos zu scheitern. Die Bundeswehr hatte sich die berühmte Katze im Sack einfliegen lassen. Einen Sack mit sieben ängstlichen Darstellern und einem ängstlichen Regisseur. Die Entertainment-Abteilung der Bundeswehr hatte zuvor keinen einzigen Ausschnitt der Western-Revue gesehen. Die schriftliche Bewerbung des Ensembles war offenbar ausreichend gewesen. Diese schmerzliche Erkenntnis bricht nun in ihrer brutalen Wucht auf Martin und seine Schüler ein. Vier Stunden vor der Aufführung.

Ein Wort ergibt das andere, ein Funken auf das Laub – die Situation eskaliert. Es wird gestritten. Es wird laut gestritten. Die beiden Soldaten Frank und Jan, die das Ensemble beim Aufbau tatkräftig unterstützten, Heuballen auf die Bühne schleppten und eine Saloontheke werkelten, blicken nun beschämt zur Seite. Es wird hässlich. Martin schlägt in seiner Verzweiflung verbal um sich. Und natürlich trifft es Nina. Er kippt all seine monatelange Ablehnung und seinen Frust wie einen großen Eimer Scheiße über sie aus. Nina kippt zurück. Frank und Jan verlassen den Raum. Nina weint. Martin hat sein Ziel erreicht.

Nun wendet er sich uns zu. „Wo wart ihr? Ihr solltet doch unsere Proben filmen!“ poltert er. „Wir haben im Camp gedreht.“ entgegne ich gereizt. Martin wird laut. „Ihr habt den Auftrag, UNS zu drehen! Das geht so nicht!“ René versucht zu beruhigen. „Wir haben aber auch den Auftrag einer Sendeanstalt, das Soldatenleben zu dokumentieren. Martin, vergiss nicht, wir sind hier freiwillig und werden nicht bezahlt. Erst, wenn wir das Material verkaufen.“ Martin bäumt sich auf. „Ohne mich wärt ihr doch überhaupt nicht hier!!“ Er redet sich in Rage. Ich werde wütend. „Martin, was macht es für einen Sinn in Afghanistan zu sein ohne Afghanistan zu drehen? Wir sind nicht nur für euch da!“ Das ist zuviel. Martin wird rot. „Nadine, du hast mich angefleht mitzukommen. Du machst, was ich sage! Ihr habt uns zu drehen, nicht die Stadt, keine Bazare oder einen Pfarrer. Alle regen sich über euch beide auf!!“

Das sitzt. Ich blicke empört in die Runde, die Gruppe schweigt. Nur Nina mischt sich ein, will für uns Partei ergreifen und wird von Martin barsch angeschnauzt. Dann ist es still. Es gibt noch viel zu sagen, aber keiner hat die nötigen Nerven. Dreieinhalb Stunden vor der Aufführung. Zudem sind noch nicht alle Szenen geprobt und das Licht ist nicht eingestellt. Niemand hat Energie oder Lust, aber es gibt keine andere Wahl. Es ist für alles zu spät. Im gesamten Camp hängt Werbung für die Vorstellung heute Abend. Lachende Gesichter in einer Western-Kulisse laden ein. Die Soldaten sehnen sich nach Ablenkung. Das Ensemble muss sich nun zusammenreißen. Auch wenn keiner mehr an das Stück glaubt. Nina geht widerwillig auf die Bühne. Die Jungs richten ihre Cowboy-Hüte. Jens setzt sich ans Klavier. Und nun sehe ich Nina zum ersten Mal leuchten. Sie singt ein Lied und Tränen rollen über ihre Wangen. Sie spricht nicht nur Text, sie spielt. Gut. Wahrhaftig. Berührend. Vielleicht gibt es ja doch noch Hoffnung.

Es ist kurz vor acht. Der Saal ist voll. Rund 200 Soldaten sitzen auf Bierbänken und warten auf den Beginn der Vorstellung. Bunte Lämpchen leuchten. Hinter der Bühne Aufregung. Hüte werden aufgesetzt, Korsetts geschnürt und Halstücher angelegt. René und ich haben unsere Kameras und unsere Mikrofone aufgestellt. Die Luft knistert. Das Licht erlöscht. Jens spielt die Ouvertüre am Klavier. Der Rest betritt die Bühne und gibt alles. Die Soldaten sind gut gelaunt. Sie lachen und klatschen. Vieles ist gelungen und manches witzig. Das Stück ist immer noch keine hohe Kunst, aber das Ensemble gewinnt an Mut. Sie lassen sich ein und spielen wahrscheinlich ihre beste Vorstellung. Tosender Applaus am Ende. Erleichtert verbeugen sich alle und verschwinden wieder hinter der Bühne. Freude und Hochstimmung. René und ich fangen draußen einige Soldaten ab und fragen sie nach dem Stück. Dabei fällt eines auf: Dankbarkeit. Dankbarkeit dafür, dass Künstler extra nach Afghanistan reisen, um für die Truppe zu spielen. Unentgeltlich. Ich habe verstanden. Es geht nicht um Kunst. Es geht um Abwechslung und Menschlichkeit. Einfach einen spaßigen Abend verleben ohne an den Krieg denken zu müssen. Nur darum geht es. Und das hat funktioniert.

Die Schauspieler geben Autogramme, lassen Fotos schießen und heitere Soldatentrauben umzingeln sie. Nina wird gelobt, Jens spielt weiter Klavier und Sandy findet neue männliche Freunde. Nur Martin bleibt reserviert.

Wir alle werden von den Soldaten der Luftwaffe in ihre Kaserne geladen. An den Wänden hängt eine Dartscheibe, ein Playmate und ein Tigerfell aus Stoff. Wahrscheinlich eine Anspielung auf den Hubschrauber Tiger, der in Mazar-e Sharif zum Einsatz kam. Da ich mit meiner Gruppe nicht mehr so richtig ins Gespräch komme, unterhalte ich mich mit Oberstleutnant Konrad. Ein attraktiver grau melierter Pilot und offensichtlich der Chef im Treff. Seit Anfang an mit dabei und kurz vor Ende seiner Dienstzeit in Afghanistan. Er freue sich auf seine Familie daheim, sagt er. In den vielen Jahren hier habe er reichlich Elend erlebt, jetzt ist es Zeit nach Hause zu gehen. Eine Prognose für das Land wagt er nicht, blickt aber wenig hoffnungsvoll in die Zukunft. „Aber,“ sagt er noch, „das Land ist wunderschön!“ Er muss es wissen. Unzählige Male hat er es überflogen.

Es ist spät und ich entscheide mich für den Rückweg zu den Containerquartieren. Konrad, ganz Gentleman, begleitet mich durch die Dunkelheit. Wir gehen vorbei an hohen Mauern, die das Feldlager von der Außenwelt abschirmen. „Habt ihr Angst vor den Taliban?“ frage ich und deute auf die dicken Steinmauern. „Nein,“ lacht er, „vor den Mücken.“ Tatsächlich sind die Mauern nur so hoch, damit eine gemeine Sandmückenart nicht so leicht ins Camp gelangen kann. Wer hätte das gedacht.

Konrad setzt mich vor meiner Stube ab und verabschiedet sich höflich. Er verschwindet in der Finsternis. Ich bin allein und noch nicht müde. Am Himmel leuchten die Sterne, die Nacht ist warm. So laufe ich einige Zeit auf den verlassenen Straßen umher und denke nach. Morgen geht es mit der Transall zurück nach Usbekistan, dann nach Deutschland. Und ich selbst bin irgendwo zwischen den Welten verloren gegangen. So viele Eindrücke. Die reichen für ein halbes Leben.

Als ich eine Stunde später wieder unser Quartier erreiche, höre ich lautes Gebrüll. Ein paar Meter weiter in der Dunkelheit stehen Sandy und Martin. Sie streiten. Martin ist außer sich und schreit Sandy an. Sie verteidigt sich kaum. Ich verstehe die Worte nicht, aber ich ahne, um was es geht. Eifersucht. Sandy hatte sich in den letzten Tagen ihrem heimlichen Liebhaber gegenüber abweisend verhalten. Das Interesse verloren und sich gerne mit netten Soldaten unterhalten. Martins Ego ist verletzt. Das scheint nicht seine Woche zu sein. Verbale Aggression ist sein Ventil geworden. So kannte ich ihn früher nicht, aber ich verstehe seine Unzulänglichkeiten. Extreme Situationen liegen nicht jedem. Doch irgendwie ergeht es uns allen so an diesem Ort. In diesem Land, in diesem Feldlager brechen alte Wunden auf. Kochen Ängste hoch. Diese Reise macht mit uns allen etwas. Sie rührt an. Der Krieg da draußen und die Bedrohung hier drinnen wirken als Brandbeschleuniger für loderne seelische Ungereimtheiten. Vielleicht ist Martin aber auch tatsächlich in Sandy verliebt. Und sein Herz bricht gerade. Vor einer stacheldrahtbesetzen Mauer, auf einer sandfarbenen Straße. In dieser Nacht wird Afghanistan für ihre Liasion ebenfalls ein Friedhof. Und ein Friedhof für seine und meine Freundschaft.

Der nächste Morgen, wir reisen ab. Ich verlasse ein Land, das ich weder gesehen, noch verstanden habe. Aber das mein Herz und meine Seele und alles berührt hat. Nein angegriffen hat es mich. Ich wünsche mir sehr, eines Tages zurück kehren zu können. Und dann intensiv dieses Land zu bereisen. Ich will Afghanistan riechen, schmecken, spüren. Vielleicht eines Tages.

Während wir in einem kleinen Aufenthaltsraum auf die Transall warten, werden fünf schwer bewaffnete Amerikaner von einem Kampfhubschrauber abgeholt. Ich beobachte sie und frage mich, wohin diese Eliteeinheit wohl geschickt wird. Zwei Frauen und drei Männer. Mit Munitionsgurten, Pistolen, großen Rucksäcken, Schutzwesten, Helmen und mit riesigen Maschinengewehren, hinter denen man nur liegen kann. Alles ist verstaubt. Mir wird schlagartig bewusst, diese Waffen wurden schon mal benutzt. Irgendwo in der Wüste. Irgendwo im Krieg. Die fünf Amerikaner steigen in den Hubschrauber und fliegen davon. Wohin nur? Ich bin betroffen.

Am Flughafen in Usbekistan werden wir von den deutschen Soldaten verabschiedet. Sie winken und salutieren, während das Flugzeug zum Start ansetzt. Das ist ein Ritual. Mit uns fliegen Frauen und Männer zurück nach Deutschland, die es geschafft haben. Die fertig sind und endlich heim dürfen. Wir waren nur kurz im Kriegsgebiet und doch hat sich nach dieser Reise viel verändert. Ängste, Unsicherheit, Lagerkoller. Innere Schlachtfelder taten sich auf. Erst Tage später begreife ich die Dimensionen. Bin bewegt, erschüttert und überwältigt. Ich träume vom Feldlager, Waffen und Moscheen. Und bin demütiger geworden.

Die Dokumentation haben René und ich nie fertig gestellt. Es folgten böse Mails von Martin, Drohungen und ein sich anbahnender Bildrechtestreit. René und ich wollten das Kapitel beenden.

Und könnte ich die Zeit zurückschrauben und stünde erneut vor all den inneren Kämpfen und der zerbrochenen Freundschaft – ich würde diese Reise nach Afghanistan genauso wieder unternehmen.

Abschied

6 Comment

  1. Silvia Lorenz says:

    Innerlich war ich dabei. Mehr kann ich dazu nicht sagen.

    1. Danke! 🙂

  2. M. Wallace says:

    Ich war als Angehöriger des Militärs mehrfach in Afghanistan. Dank deiner kurzweiligen und spannenden Erzähl-/ bzw. Schreibweise war ich beim Lesen für ein paar Minuten wieder vor Ort.
    Falls du nochmals die Möglichkeit bekommst nach Afghanistan zu reisen – sei dir der Gefahr bewusst – aber tue es!!!

    Ich hatte das „Glück“ entlegene Regionen zu sehen / erkunden und konnte die Gastfreundschaft der einfachen ursprünglichen Landbevölkerung erleben. Gerade diese Eindrücke und Erfahrungen haben mir eine andere Betrachtungsweise über das Leben gebracht.

    Afghanistan – ein Land der Gegensätze; mit wunderschönen Landschaften; gastfreundlichen Menschen; leider durch Krieg und Terror geplagt und daher sehr viel Elend…

    1. Vielen Dank für deinen Kommentar!
      Ich habe wirklich großen Respekt für die Soldaten vor Ort. Unabhängig davon, ob der Einsatz richtig oder falsch war/ist. Letzendlich sind das alles Menschen mit Ängsten und Sorgen. Auf jeder Seite.
      Ich weiß nicht, welche Aufgaben du im Militar hattest, aber du weißt bestimmt, was ich meine.
      Ja, Afghanistan ist ein schönes Land. Und es hat mich wirklich traurig gemacht, es so geschunden zu sehen.
      Ich hoffe, das wird sich irgendwann ändern. Aber das wird wohl noch viele, viele Jahre dauern.
      Alles Liebe dir.

  3. F.Sauer says:

    Wunderbar geschrieben, so authentisch. Altmann sei Dank bin ich auf dieser Seite gelandet und kann nun jeden deiner Berichte lesen. Wünsche dir noch viele Reisen. Bleib gesund!

    1. Ich danke dir von Herzen.

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