Wir wünschen einen angenehmen Aufenthalt in Afghanistan – Teil 1

Teil 1

Verschleierte Blicke folgen uns. Skeptisch. Neugierig. Die Sonne brennt auf den weißen Marmor vor der Moschee. Frauen sind verhüllt. Männer stehen in Nischen. Manche legen die Stirn an die blauen Kacheln. Andere flüstern Gebete. Ich zupfe meinen dünnen Schleier zurecht. Und doch fühle ich mich nackt. Beäugt. Bestaunt. Schutzlos. Darf ich hier sein? Der warme Ostwind fegt mir den Schal vom Kopf. Mein Haar wirbelt umher. Nun sehen mich alle. Ich bin aufgeflogen. Alte und Junge starren mich an. René versteckt die Kamera hinter seinem Rücken.

„Wir wünschen Ihnen einen angenehmen Aufenthalt in Afghanistan.“
René runzelte die Stirn. Wir saßen in seiner Wuppertaler Wohnung, schauten auf den Bildschirm und lasen den befremdlichen Satz wieder und wieder. Die Mail war eindeutig. Absender Bundeswehr. Ich nippte verunsichert an meinem Tee. “Es ist wahr”, murmelte ich nach einer Weile, “nächste Woche sehen wir den Hindukusch.” Traumziel Afghanistan. Die warme Mai-Sonne strahlte.

Eine Woche später. Es war Freitag. Die Militärmaschine flog uns von Köln nach Usbekistan. Der Blick aus dem Fenster schweifte über das Kaspische Meer, Sand und endlose Steinwüsten. Die erste Nacht sollten wir in Termez verbringen, dem strategischen Lufttransportstützpunkt der Bundeswehr, nur wenige Kilometer zur afghanischen Grenze entfernt. In Termez stiegen in den letzten Jahren unzählige Soldaten in die geschützten Transall oder CH53-Hubschrauber Richtung Nordafghanistan. Einsatzorte Mazar-e Sharif, Kundus oder Faisabad. Orte, die wir nur aus den Nachrichten kannten.

René schulterete die schwere Kameratasche, ich stolperte mit dem Stativ hinterher. 40 Grad flirrende Hitze schlug uns ins Gesicht. Die Soldaten am Flughafen begrüßten uns freundlich. Uns und die Schauspieler, die wir begleiteten. Die Abschlussklasse einer Kölner Theaterschule. Sie hatten sich für die Truppenbetreuung beworben und wurden nun tatsächlich von der Bundeswehr zur Unterhaltung eingeladen.

Im afghanischen Camp Marmal der internationalen Schutztruppe ISAF, und zugleich größtes Feldlager der Bundeswehr außerhalb Deutschlands, sollte das Ensemble am Sonntag Abend sein Theaterstück spielen. Eine Western-Revue. Kameramann René und ich planten, die heitere Vorstellung und das bis dahin anstrengend gutgelaunte Ensemble filmisch zu dokumentieren. Die letzten Wochen in Deutschland verbrachten wir also auf Proben, drehten Interviews mit den Akteuren sowie ihrem Regisseur und Lehrer Martin, tippten unzählige Mails, erdachten und verwarfen mehrere Storyboards und verhandelten mit Sendeanstalten, die Interesse an unserem Material bekundet hatten.

Wir konzentrierten uns auf Jens. Er spielte in der Revue den Saloon-Pianisten und schien der interessanteste Darsteller des Ensembles. 23 Jahre jung, sensibel und depressiv. Und gerade deswegen auch der beste Schauspieler der Klasse. Das wussten die anderen. Neid kam auf. Verletzte Eitelkeit loderte. Eifersüchtige Gesichter und leises Getuschel. Eine Entscheidung für Jens als Protagonisten unserer Doku bedeutete gleichzeitig eine Entscheidung gegen die anderen. Es wurde kompliziert für René und mich.

Der usbekische Stützpunkt wirkte friedlich. Die Sonne schien, Blumen blühten, Bienen summten. Nichts erinnerte an Krieg. Auf dem kleinen Versammlungsplatz, der sich komischerweise „Marktplatz“ nannte, stand eine Hollywoodschaukel. Insgesamt wirkte das Camp wie eine Mischung aus katholischer Jugendherberge, Robinsonclub und Flüchtlingslager. Es wurde ein knapper Stopover und eine kurze Nacht. Ein Bier für 70 Cent in der Kneipe “Area 51”, die aussah wie ein Vereinsheim in Tarnfarben, und ein paar Stunden unruhiger Schlaf in einem klimatisierten, olivgrünen Container.

Der Morgen brach an. Ich hatte kaum geschlafen. Zuviel Aufregung geisterte durch meinen Kopf. Wie wird es dort sein? Was werde ich fühlen? Ist es sicher?

Nach dem Frühstück war es endlich soweit. Nächster Halt Afghanistan. Für Zweifel war es nun zu spät. Wir warteten vor der bejahrten Transall C-160, ein mit Propellerturbinen angetriebenes Transportflugzeug. Ein Soldat hielt eine Rede. Ich verstand nicht viel, außer, dass man beim Einstieg nicht über diverse Ketten stolpern soll, die das Gepäck zusammenhielten. Dann kletterten wir unfallfrei hinein, schnallten uns an und stopften uns die ausgegebenen Stöpsel in die Ohren. Die Transall lärmte gewaltig. Die Soldaten konzentrierten sich.

Transall

Bereits jetzt ging mir das Ensemble tierisch auf die Nerven. Fünf Tage standen uns noch bevor. Schauspieler sind zuweilen lästig und egozentrisch. Da schließe ich mich selbst mit ein. Trotzdem darf Respekt niemals fehlen. Den ganzen Weg im Bus zur Transall hin witzelten die Mimen schrill und albern herum, ohne Feingefühl für die Situation, ohne Rücksicht auf die Soldaten, die sich ruhig und schweigsam auf ihren Kampfeinsatz vorbereiteten, an Kameraden im Krieg und an ihre Familien dachten. Oder vielleicht war es auch ihre gauklerische Art mit der Außergewöhnlichkeit dieser Reise umzugehen? Daraus eine Show zu machen? Die meisten der acht Schauspieler waren in den Zwanzigern. Noch unerfahren und weltblöd. Einzeln betrachet, nette und unsichere Suchende. Doch in der Gruppe gebärten sie sich unerträglich. René und ich begannen uns abzukapseln und wurden schnell zu Underdogs. Zu diesem Zeitpunkt ahnten wir noch nichts von der drohenden Eskalation.

Auch innerhalb des Ensembles brodelte es. Es gab die coolen Mädchen, die coolen Jungs sowie der vermeintlich lockere Lehrer und Regisseur Martin. Und es gab das obilgatorische Mobbingopfer. Nina hieß es. Nina war die Außenseiterin der Gruppe, obwohl sie sich redlich bemühte, überall Anschluss zu finden. Pummelig, labil und aus der Not heraus opportunistisch. Über sie wurde unwirsch gelästert. Ich mochte sie. Sie war ein liebes, hübsches Mädchen, aber nicht gemacht für Klassenkämpfe und die Ungerechtigkeit, die der Schauspielberuf mit sich bringt. Und so wirkte sie oft verloren und glücklos. Sie suchte nach Freundschaften, fand doch nur Ablehnung und verstrickte sich unwillkürlich selbst in Ränke. Vielleicht schaute sie auch mit ein wenig Neid auf ihre Schulkollegin Sandy. Diese spielte ein blondes Saloongirl und war so etwas wie die Cheerleaderin des Ensembles. Nicht unbedingt talentiert, jedoch attraktiv und in heimlicher Liebschaft mit ihrem Lehrer Martin verbunden. Auch das sollte eskalieren. Ebenso wie meine Freundschaft zu Martin. Wir kannten uns schon viele Jahre. Der 40-jährige Schauspieler und ich hatten uns einst bei der Synchronisation eines Werbespots kennengelernt und wir mochten uns auf Anhieb. Wir trafen uns öfter auf einen Kaffee und waren stets heiter. Martin wollte eine Dokumentation über den Trip drehen lassen, ich hatte schlimmes Reisefieber und wurde somit zur Tonfrau ernannt. Seit dieser Reise herrscht zwischen uns eisige Verachtung. Bis heute.

Nun, so saßen wir also, vom Schicksal zusammen gewürfelt, in der Transall auf dem Weg ins Kriegsgebiet. In einer grünen, ratternden Höhle. Nicht wissend, dass die Kämpfe ganz woanders stattfinden würden.

Im Flugzeug kehrte endlich Ernsthaftigkeit ein. Durch den Lärm der Propellermaschine waren Unterhaltungen unmöglich und plötzlich war jeder allein mit sich. Stumm saßen wir uns gegenüber. Zwischen Soldaten in Kampfanzügen und hochgeschnürten Stiefeln, die zu ihrem Einsatz flogen. Für einige von ihnen ging es weiter nach Kabul oder in die Wüste. Ein junger Soldat rieb sich die Augen. Die Stimmung kippte. Die meisten Gaukler schienen unversehens etwas zu begreifen. Wenn auch nur zaghaft. Doch sickerte nun die Erkenntnis durch, dass wir eben nicht nach Mallorca ins Ferienparadis reisten, sondern nach Afghanistan. Ein Land, in dem noch immer ein furchtbarer Krieg wütet. Für den ein oder anderen eine überraschende Feststellung.

Die Transall gilt als sicheres Flugzeug. Waffen und Menschen werden mit ihr in Kriegsgebiete geflogen. Seit Jahrzehnten. Wird die Maschine von feindlichen Flugabwehrraketen anvisiert, schießt sie Täuschkörper aus Staniol und Magnesium ab, sogenannte Flares. Diese sollen bestenfalls ablenken. Das hatte der Soldat in seiner Rede erklärt. Ich schaute durch ein kleines Fenster über mir und sah nur Himmel. Keine Flares. Ein gutes Zeichen.

Nach einer knappen halben Stunde wurde es plötzlich still. Die Propeller verstummten. Die Rotoren erstarben. Der Lärm versiegte. Die Transall segelte ein paar lautlose Augenblicke über den Wolken. Wie ein großer gepanzerter Vogel. Ruhe vor dem Sturm. Und dann setzte sie zum Steilflug an. Stürzte in die Tiefe. Um wenig Angriffsfläche und feindlichen Thermoraketen kein Ziel zu bieten. Es kribbelte in meinem Bauch. Nicht nur wegen des Sturzes, auch wegen des Reiseziels. Afghanistan. Unfassbar. welcome

Die Maschine landete butterweich auf dem Rollfeld. Wir waren da. Tatsächlich. Im Camp Marmal, in der Nähe der Stadt Mazar-e Sharif, Nordafghanistan. Oberleutnant Frank und Oberfeldwebel Jan hießen uns herzlich willkommen. Wir stiegen mit ihnen in den Bus und fuhren zu den Containerquartieren. Hinter den stacheldrahtbesetzten Mauern erhob sich sandfarben der Hindukusch. Alles hier war sandfarben. Die Zelte, die Panzer, die Uniformen, der Himmel, der Staub. Auf den Straßen marschierten schwer bewaffnete Soldaten unterschiedlicher Nationen und lösten sich in ebendieser sandfarbenen Kulisse auf .

Hindukusch

Während das Ensemble die Container bezog, die Bühne im großen Veranstaltungsraum besichtigte und sich gegenseitig nervös machte, wurden René und ich von der Presseoffizierin der Bundeswehr erwartet. Bereits in Deutschland hatten wir angefragt, ob wir einen kleinen Ausflug in die Stadt Mazar-e Sharif wagen dürften. Wir brannten und wollten unbedingt Aufnahmen außerhalb des Camps machen. Land und Leute drehen. Afghanistan sehen und fühlen. Doch in Usbekistan zeigten sich die Soldaten entsetzt von unserem Vorhaben. „Niemals! Das ist lebensgefährlich!“ bezeugte der eine. „Ich selbst würde nie und nimmer in die Stadt fahren. Auf gar keinen Fall. Lasst das sein!“ entgegnete der andere. Wir waren verunsichert und verabschiedeten uns von unserer abenteuerlichen Idee.

Im Pressebüro begrüßte uns die fröhliche blonde Offizierin Anja und eröffnete uns heiter, dass in 15 Minuten vor den Toren des Camps ein Taxi auf uns warten würde. Der Trip in die Stadt sei fix. Allerdings ohne Schutz der Bundeswehr und auf unsere alleinige Verantwortung. Sollte etwas passieren, helfe uns leider niemand. Ein englischsprechender Local sei dabei und ein vertrauenwürdiger Taxifahrer, der uns sicher nicht entführen würde. René und ich schluckten. Die Aufregung kroch in jede einzelne Zelle unserer Körper. Die Herzen klopften. Raus? Alleine? Ohne Schutz?

Kurze Zeit später befanden wir uns auf der Rückbank eines afghanischen Taxis und folgten einer sandfarbenen Straße Richtung Mazar-e Sharif. Keinen blassen Schimmer, was uns erwarten würde. Ich richtete meinen dünnen Schleier, der mein Haar bedeckte, schloss die Augen und atmete tief ein. Afghanistan. Wir waren tatsächlich in Afghanistan. Und auf uns allein gestellt.

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Mazar